Schwungvoller Lidstrich, pompös aufgetürmte Haarpracht und Glitzerschmuck – wenn Gaby Tupper sich schick macht, ist sie nicht zu übersehen. Gaby Tupper ist Drag Queen. Und weil sie davon abweicht, was die gesellschaftliche Norm vorgibt, ist sie sozialen Ausgrenzungen ausgesetzt. „Wenn ich geschminkt auf die Straße gehe, gehe ich das Risiko ein, auf die Schnauze zu bekommen“, sagt sie ganz nonchalant. Denn einen geschminkten Mann, das sähen viele als einen Angriff auf die Männlichkeit.
In die Hennigsdorfer Stadtbibliothek ist Gaby Tupper am Mittwoch als „Lebendiges Buch“ gekommen. Das Projekt „Die lebendige Bibliothek“ wurde vor 18 Jahren in Dänemark erarbeitet. Es geht darum, gegen Vorurteile vorzugehen. Die lebendigen Bücher erzählen Geschichten aus ihrem Leben, stellen sich im geschützten Raum den Fragen der Gesprächspartner. „Wir wollen lieber miteinander reden, als übereinander“, sagt Louise Kreuschner. Die Berlinerin möchte das Projekt im Brandenburger Raum etablieren, hat über verschiedene Hilfsorganisationen Gesprächspartner gefunden, die offen über ihre Erfahrungen berichten wollen. „Wir sind eine bunte Truppe“, sagt sie, zehn Personen sind ehrenamtlich in die Stadtbibliothek gekommen, um vormittags vor Schülern und nachmittags öffentlich zu erzählen. Eine Rollstuhlfahrerin ist dabei, eine Jüdin, auch ein ehemaliger Obdachloser oder eine manisch-depressive Frau.
„Wir wollten diese Veranstaltung anbieten, um einen Denkanstoß zu geben, um Probleme ganz unterschiedlicher Menschen anzusprechen, um zu sensibilisieren“, sagt Kerstin Gröbe, Gleichstellungsbeauftragte in Hennigsdorf und verantwortlich für die Planung der Frauenwoche. In der Stadtbibliothek finden die Gespräche in ruhigen Ecken zwischen Bücherregalen statt. Zwei bis drei Gesprächspartner haben 20 Minuten Zeit, sich mit einem „lebendigen Buch“ zu unterhalten und so in ganz ungewohnte Lebenswelten einzutauchen. Die Offenheit, mit der sie sich den Fragen stellen, ist beeindruckend.
So gibt der 28-jährige Timo ganz unumwunden zu, dass er blind durch die rosarote Brille der Verliebtheit nicht an sexuell übertragbare Krankheiten gedacht habe. Durch seinen ersten Freund infizierte er sich mit HIV. Zwei Jahre brauchte er, bis er die Situation akzeptieren, Freunde einweihen konnte. Schüler müssten viel mehr darüber erfahren, findet er. Im Unterricht kämen sexuell übertragbare Krankheiten immer noch zu kurz. Und das, obwohl Sexualität ein zentraler Teil des Lebens sei.
Gaby Tupper gibt, nachdem sie bereitwillig über gepolsterte BHs, Depressionen, sexuelle Übergriffe und tolerante Eltern gesprochen hat, ihren jugendlichen Zuhörern einen Rat: „Natürlich hinterfragt man sich, weil die Gesellschaft etwas anderes vorlebt. Aber das, was ihr selber wollt, ist richtig.“ Das hinterlässt Eindruck. In Umfragebögen tragen die Schüler am Vormittag ein: „Ich habe gelernt, dass nicht alle Menschen gleich sind“ und „Respekt an die jeweilige Person, vor allem an Gaby“.