Die Neuruppiner hatten sich in den 80er-Jahren für ihre erste Prunksitzung extra schick gemacht. Sie trugen Anzug und Krawatte. Wie Salzsäulen erstarrt, saßen sie auf den Stühlen und ihr Gesichtsausdruck verriet: "So, jetzt amüsiert uns mal", erinnert sich Konrad Wendorf, der Programmminister des Clubs. Diesen Spruch machten die Narren zu ihrem ersten Motto. Es dauerte etwas, bis sich die Neuruppiner an den Karneval gewöhnt hatten. "Jetzt fällt man auf, wenn man kein Kostüm anhat", sagt Außenminister, Bernd Breuer, Ehemann von NCC-Präsidentin Birgit Breuer.
In den 50er-Jahren hatte Neuruppin schon mal einen Karnevalsclub. Dann war Ruhe, bis es Konrad Wendorf zu den Elektro-Physikalischen Werken (EPW) verschlug. Da war der 62-Jährige längst mit dem närrischen Frohsinn infiziert. Während seiner Studienzeit in Thüringen hatte er ausgiebig Karneval gefeiert - im Schlafanzug. "Ich hatte nichts anderes", sagt er.
Bei den EPW traf er auf Bernd Breuer. Und im Betrieb hat der Carnevals-Club 1979 seinen Ursprung gefunden. Damals feierten die mehr als 3500  Mitarbeiter ein bisschen Fasching. Damit es etwas zu lachen gab, wurden vorgefertigte Reden aus Kabarett-Büchern zitiert. Die Kostüme bestanden aus gelbem Fahnenstoff. "Von dem gab es mehr als genug. In der DDR wurde ja nur roter Fahnenstoff gebraucht", sagt Wendorf. Bei der Namenswahl bewiesen die Nachwuchs-Narren Sinn für Humor. Da keiner wusste, wie richtiger Karneval funktioniert, nannten sie sich Anfänger-Carnevals-Club (ACC). Vier Jahre später hatten die Mitglieder ihre närrische Ausbildung absolviert und tauften sich 1984 in NCC um, ein ernsthafter Spaßclub mit Elferrat, Tanzgruppe und Männerballett. Immer mehr Gäste, die nicht bei den EPW arbeiteten, wollten mitfeiern. Wie berühmt werdende Popstars zogen die Narren vom ehemaligen Puschkinhaus in die größere Deutschlandhalle. Doch erst 1988 wurde der NCC-Präsident als Stadtoberhaupt der fünften Jahreszeit anerkannt: Die Narren durften das Rathaus stürmen und dem stellvertretenden Bürgermeister Dietmar Spitzke den Schlüssel abnehmen.
Als die Mauer fiel, war für ein Jahr erst mal Schluss mit lustig. Viele Mitglieder traten aus. "Jeder wollte sich neu orientieren", erklärt Wendorf. Doch der NCC berappelte sich mit Hilfe des Verkehrsvereins Ruppiner Land und der Partnerstadt Bad Kreuznach.
Die Talente der Mitglieder sind unterschiedlich. Bernd Breuer war lange Jahre Tänzer im Paartanz und Männerballett. "Ich habe mit 13 Jahren zu tanzen angefangen, um Mädchen kennenzulernen", erinnert sich der 53-Jährige. Wendorf hingegen liegen die Büttenreden im Blut. Da in solchen Reden oft Politik und Wirtschaft kritisiert werden, musste Wendorf zu DDR-Zeiten aufpassen. Denn er zog in seinen Reden oft Geschehnisse im eigenen Betrieb durch den Kakao. Es war üblich, dass diese vom Betriebsverantwortlichen für Kultur abgenommen wurden, bevor sie dem Publikum präsentiert wurden. Der Verantwortliche habe die Witze oft nur gerade noch so durchgehen lassen, so Wendorf. Einmal verwurstete er einen Rationalisierungsbericht, den er für die EPW hatte verfassen müssen. Diesen hatte er nach Anweisung von oben künstlich verlängern müssen, obwohl er nicht mehr zu sagen hatte. So blies er den Bericht mit sozialistischen Floskeln auf. Dieses Erlebnis verarbeitete er in einer Büttenrede mit dem Satz: "Nach der Zahl der Seiten war das Ding 'ne Wucht, nach Knowhow und Weltenniveau man vergebens sucht."
Das Umschreiben von Missständen, ohne sie konkret zu nennen, hat Wendorf Spaß gemacht. Heute sind die Witze direkter. Die Sketche greifen auch junge Themen wie die vernetzte Welt auf. Vielleicht hat der NCC mit rund 65 Mitgliedern deshalb keine wirklichen Nachwuchssorgen. Nur junge Redenschreiber werden gesucht. In der Funkengarde fangen schon die ganz Kleinen an.
Der NCC lädt ein: 14. Februar, 20 Uhr, Stadtgarten, Karten für 15 Euro unter (0162) 7070706, Umzug 15. Februar, 14 Uhr, Start vor dem Reiz