Herr Rieger, Sie haben sich als Rheinsberger Stadtverordneter schon seit Längerem in der Kommunalpolitik einen Namen gemacht und hätten auch schon bei den vorhergehenden Bundestagswahlen die 200 Unterschriften für die Einzelkandidatur sammeln können. Warum war es gerade diese Wahl, bei der Sie angetreten sind?
Ich habe schon früher bei Bundestagswahlen lieber Einzelbewerber und unabhängige Kräfte unterstützt. Die Wut über die Ungerechtigkeit der bestehenden politischen Strukturen ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Ein prägnantes Beispiel ist die Neufassung der GEZ-Gebühren. Jetzt müssen zum Beispiel alle Haushalte zahlen, ob sie einen Fernseher oder einen internetfähigen Computer haben oder nicht. Es liegt hier ein Kumpanei aller etablierten Parteien und des öffentlichen Fernsehens vor, die sowohl der Marktwirtschaft als auch der sozialen Gerechtigkeit widerspricht.
Sie haben das in Ihrem Wahlkampf auch immer wieder deutlich gemacht. Jetzt sind Sie aber nicht in den Bundestag eingezogen. Enttäuscht?
Ich habe mehr Stimmen bekommen, als ich erwarten durfte. Im ganzen Land hat ja nur Herr Neskovic im Raum Cottbus mehr Stimmen als Einzelbewerber einsammeln können. Dennoch hätte ich mir die europäische Sensation erhofft, in den Bundestag einzuziehen. Albert Einstein hat einmal gesagt: "Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert." Diesen Wahnsinn will ich nicht unterstützen, sondern bekämpfen.
Womit wir wieder bei Ihrem Antrieb wären, es als Einzelkandidat zu probieren. Aber verzerrt ein Wahlkampf, in dem Mitbewerber eine Parteimaschinerie hinter sich wissen, nicht die Chancen auf eine Aussicht, als Einzelbewerber zu gewinnen?
Viele Leute haben sich gefreut, als ich gegen die Großen mit Argumenten ins Feld gezogen bin, was ja auch das von mir erreichte Stimmenergebnis zeigt: In Rheinsberg war ich viertstärkste Kraft hinter den drei großen Parteien - CDU, SPD und Linke. Aber die Wahrheit ist, dass man als Einzelkandidat im Wahlkampf mehr benachteiligt wird, als ich mir vorstellen konnte.
Inwiefern?
Das fängt schon damit an, dass Umfragen veröffentlicht werden, in denen es heißt, Dagmar Ziegler (SPD) holt den Wahlkreis und 26 Prozent. Umfragen sind grundsätzlich mit äußerster Vorsicht zu genießen. Aber auf die Leute wirkt das so, als würden man ihnen sagen, die anderen Bewerber haben ohnehin keine Chance. Da wird der Eindruck erweckt, es gäbe nur die Entscheidung zwischen den drei Kandidaten oben. Zudem hatte ich erwartet, dass es Podiumsdiskussionen gibt. Leider gab es keine, bei der alle Kandidaten an einem Tisch saßen. Stattdessen musste ich in der Zeitung lesen, dass die Mitbewerber der großen Parteien bei einer theologisch-feministischen Diskussion in Heiligengrabe waren und sich dort artikulieren konnten, während die Einzelkandidaten dazu einfach nicht eingeladen worden waren. Zudem wurde darüber berichtet, wie die Mitarbeiter von Kandidaten, die schon im Bundestag sitzen, für diese mitmachen im Wahlkampf. Das ist eine vom Staat bezahlte Ressource, die Einzelkandidaten nicht zur Verfügung steht - und illegal.
Wahlkampf zu führen ist tatsächlich auch ein großer finanzieller Aufwand. Wäre das nicht schon ein Grund, der viele abschreckt, als Einzelkandidaten anzutreten?
Der Finanzaufwand ist stark gemindert worden durch vorhandene Synergieeffekte: Plakate aus anderen Wahlkämpfen waren ausreichend vorhanden. Zudem war mir wichtig, den sonst öden und eintönigen Wahlkampf aufzumischen. Und das hat einfach richtig Spaß gemacht. Insbesondere, was die Plakate, aber auch die Broschüren betrifft - sie waren richtig ein Renner. Zum Schluss holte ich mir noch den Karikaturisten Peter Puszta mit ins Boot. Er machte zwei Zeichnungen nach meinen Ideen, die die GEZ-Problematik aufs Korn nahmen.
Sie traten auch mit ungewöhnlichen Fotos in Erscheinung. Hatten Sie einen Imageberater heranziehen müssen?
Einen Imageberater habe ich mir wirklich gespart. Das Foto mit den wehenden Haaren war ein zufälliger Urlaubsschnappschuss auf Rügen, eines stammte vom Dekanatstag. Bezahlen musste ich dafür nichts.
Aber es gehörten auch viele Fahrten dazu. Der Wahlkreis ist einer der größten Deutschlands, Sie müssen in vielen Orten auf sich aufmerksam machen, in denen Sie keiner kennt. Hat sich das gelohnt?
Die Gespräche mit den Leuten waren eine sehr positive Erfahrung. Wenn man im Wahlkampf ganz allein auf sich gestellt ist, ist es auch von Vorteil, dass man auf die Leute direkt zugehen muss. Passiv am Wahlkampfstand stehen reicht da nicht aus. Aber viele Leute vor Ort haben mir ihre Hilfe angeboten. Allerdings ist die Zeit bisweilen sehr knapp: da ich nicht an der Oberfläche bleiben will, sondern in die Gespräche richtig tief reingehe, reichte es oft nicht für so viele Gespräche, wie ich gerne gewollt hätte. Aber da, wo ich war, da habe ich auch bessere Ergebnisse erzielen können. Ich konnte allerdings nicht in jedem kleinen Ort auftreten. Dafür gibt es im Wahlkreis zu viele.
Sie waren langjähriges CDU-Mitglied, später Landesvorsitzender der brandenburgischen ÖDP, traten bei der Kommunalwahl unter Bürgerkompetenz OPR in den Ring. Jetzt bei der Wahl waren Sie "Einzelkandidat Rieger". Warum vertrauten Sie nicht auf alte Pferde, die für die Leute schon gesattelt waren?
Die Bürgerkompetenz OPR war lediglich eine lose Wählervereinigung für die Kommunalwahl und hat einfach mit einer Bundestagswahl nichts zu tun. Es war mein ganz eigener Entschluss, bei der Wahl anzutreten. Und dass ich mit das beste Brandenburger Ergebnis aller Einzelkandidaten erreicht haben, zeigt, dass ich nicht so falsch gelegen habe.
Sie werden der Kommunalpolitik mit Sicherheit auch erhalten bleiben - zumal Sie am 22. September auch in Rheinberg wieder sehr erfolgreich waren. Hat die Bundestagswahl diesbezüglich etwas in Ihnen bewirkt?
Es gibt viele Dinge, in denen Kommunal- und Bundespolitik miteinander vernetzt sind, zum Beispiel bei der Maut-Problematik. Ich war in Rägelin und Katerbow vor Ort, als es die Proteste auf der Straße gab. Dass unsere Bürokratie, also die des Kreises, vor Ort nicht richtig gearbeitet hat - das erfährt man dann im Bundestagswahlkampf.
Würden Sie zu einem solchen in vier Jahren noch einmal antreten wollen?
Spaß hat es auf jeden Fall gemacht - da kann ich mich nur wiederholen. Und ich möchte diese Erfahrung nicht missen, gerade weil ich so viel Zuspruch erfahren habe. Aber festlegen will ich mich nicht, obwohl mich viele bei der Bundestagswahl aufgefordert haben, bei der nächsten Wahl 2017 wieder anzutreten.