Für "Die verflixte Rechenaufgabe" hatte Musiklehrerin Ellen Will drei Aktive sowie mit Tessa Naumann und Maksimilian Baekter zwei Ersatzschüler engagiert. Wie sehr die plumpe Division 28:7 für Verwirrung sorgen kann, stellten Romy Schwarz (als Mutter Elke), Max Frisch (Papa Hermann) und Fisnik Shahini (Sohn) unter Beweis. "28:7" zählt zu den Lieblingssketchen von Jörg Lettow. Die gestrige Darbietung in der Karli-Sporthalle reihte sich ein in die Liste der Geschenke für den scheidenden Lehrer. "Das war toll. Super", lobte er seine "Ehemaligen", die extra kurz ihre Ferien unterbrachen.
Räumliche Leere prägte die Sporthalle zwar. Denn die 28 Lehrkräfte, fünf Schüler und ein Gast hielten wie gefordert Abstand. Dennoch war es stimmungsvoll während der Zeremonie, die Schulleiter Mathias Jäkel zwischen Dienstberatung und Ferienbeginn geschoben hatte. Garniert mit viel Persönlichem gab er einen Abriss über vier Jahrzehnte pädagogischer Arbeit. Natürlich durfte eine Formel nicht fehlen: Auch die Klasse 6b kann ein Lied über Lettows Steckenpferd trällern: P ist gleich m durch V, also der Quotient aus der Masse eines Körpers und seinem Volumen. Physikalisch: die Dichte.
Dichte und dicht halten
Darüber schmunzelte auch Sven Junker, Oberschulrat Neuruppins. Er ließ es sich nicht nehmen, im Auftrag der Bildungsministerin Konrektor Jörg Lettow auf eigenen Wunsch in den Ruhestand zu versetzen. Diese Nachricht, dass er seinen Dienst zum 31. Juli 2020 beenden darf, kam für den Neuruppiner wirklich überraschend. Es hatten alle dicht gehalten. Selbst eigene Anrufe im Schulamt seien nicht zielführend gewesen, wunderte sich Lettow.
Gerade senkte sich die Stimme von Mathias Jäkel inmitten seiner Laudatio zum Satzende: "Unser stellvertretende Schulleiter verantwortete in über 20 Jahren den Stundenplan." Da ertönte sekundengenau, fast wie bestellt, die autonome Schulglocke: Beginn der Hofpause. Fünf Minuten später, nach mehreren Präsenten, ergriff Jörg Lettow letztmals das Mikrofon vor seinen Kollegen. "Es war eine schöne Zeit, mit netten Kollegen. Ich habe mich wohl gefühlt. Ihr bleibt mir ebenso in Erinnerung wie die Kinder."
Von Trübsal oder gar Trauer aber keine Spur. Er vermittelt nach wie vor Lebensfreude und -lust. Neugierig wirkt er – trotz Permanentschmerzen im Knie. "Den ganzen Tag über stehen, das geht nicht mehr." Dreimal ist er an den Menisken operiert worden. Vieles deutet auf einen erneuten Eingriff hin. Anfang Juli soll nach einem Termin zur Magnet-Resonanz-Therapie die Entscheidung fallen. Was folgt danach? "Ich habe einiges in der Pipeline." Seine Mundwinkel werfen tiefe Falten. Die blauen Augen glänzen. Alles will er nicht verraten, aber drei Visionen schon: Es ist durchaus vorstellbar, dass der Mathe/Physiklehrer vertretungsweise an die Tafel zurückkehrt. Kümmern will er sich vornehmlich um "Haus, Garten und Grundstück – Platz schaffen, das bereinigt auch die Seele."
Mountainbike rückt in Fokus
Vielleicht flammt auch eine neue Liebe auf: Mountainbiking zieht Jörg Lettow in den Bann, verrät er doch noch ein Projekt aus seiner To-Do-Liste. "Das hat den Vorteil, dass das Knie mitspielt." An Rennsteiglauf (dreimal absolviert) oder die vier Stadtmarathons sei nicht mehr zu denken. Übrigens liegt seine Bestzeit auf den 42 Kilometern bei 1:18 Stunden. Aufgestellt auf Inlinern, "da kam mir das geliebte Eishockey natürlich zugute, wenn ich die Kurven nehme und mit mehr als 30 km/h unterwegs bis. Man fährt wie im Rausch. Nur, ich habe es übertrieben", denkt er vor allem ans Jahr 2009. Er hatte am Sonnabend beim Berlin-Marathon an der Startlinie der Skater gestanden und einen Tag darauf als Läufer. "Das habe ich gelernt: Immer in Maßen Sport treiben."
Zwei recht bekannte, natürlich vom Sport infizierte Söhne hat Jörg Lettow: Mathias, mit 36 Jahren der Ältere, ist 106-facher Oberligafußballer für Optik Rathenow, SV Babelsberg 03 oder Energie II. Heute lebt er in Cottbus und ist nach einem Studium bei einer Bank angestellt. Seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Thomas, ebenso ein herausragender Fußballer, verschlug es als Schauspieler an die Isar. Ihm sei schon früh anzusehen gewesen, wohin die Reise geht, weiß Jörg Lettow: "Er fiel immer recht theatralisch."
Sogar rauf bis auf die Zugspitze
Ralf Reichel, über Jahre in der Laufgemeinschaft Neuruppin (LGN) sein Wegbegleiter: "In seiner aktiven Laufzeit haben wir viele Kilometer zusammen abgespult. Sport im Allgemeinen war immer ein wesentlicher Bestandteil in seinem Leben. Besonders das Laufen hatte es ihm angetan. Marathon, gern bis rauf zur Zugspitze. Bei den regionalen Läufen war er Stammgast und einer der treibenden Kräfte, die die LGN ins Leben gerufen haben. Dank seiner Initiative gibt es den Burgwalllauf wieder. Wenn es galt, als Helfer zur Verfügung zu stehen, musste man nicht lange warten: Jörg war da. Er ist ein wertvolles Mitglied der Ruppiner Sportszene und ein von uns allen geschätzter Mensch. Alles Gute und bleib gesund."

Aus der Rede des Schulleiters


Jörg Lettow absolvierte die zehnte Klasse mit "Auszeichnung", die zwölfte mit dem Prädikat "Sehr gut". Er begann im Jahr 1975 in Potsdam sein Studium und beendete es vier Jahre später mit dem Abschluss als Diplom-Lehrer der Fächer Mathematik und Physik.

Bis 1991 unterrichtete Jörg Lettow unter anderem an der Polytechnischen Oberschule Eichwalde, danach am Humboldt-Gymnasium im gleichen Ort. Im August 1992 kehrte er ins Ruppiner Land zurück und übernahm den Schulleiterposten in Protzen.

Im Jahr 1996 berichtete das Nachrichtenmagazin ,Der Spiegel’ über die Schule in Protzen und den Versuch, mit einem neuen Konzept – jahrgangsübergreifenden, fächerüberdeckend, projektorientiert – die Schule zu retten. Insgesamt sieben Jahre führte er diese Schule, die Schülerzahlen gingen aufgrund des Geburtenknicks rapide zurück, so dass die Einrichtung geschlossen wurde.

Mit Beginn des Schuljahres 1999/2000 startete Jörg Lettow als stellvertretender Schulleiter an der Grundschule "Karl Liebknecht", damals noch im Gebäude an der Artur-Becker-Straße, das heutige Fontane-Schulzentrum. Ab März 2000 erfolgten diverse Umzüge in alte Kindertagesstätten, eine Reihe von Umbaumaßnahmen standen auf dem Programm. Im Mai 2009 konnte nach mehrjähriger Umbauzeit bei laufendem Betrieb das heutige Schulgebäude vollständig bezogen werden.

Jörg Lettow verantwortete in über 20 Jahren den Stundenplan. Es ist nicht nur eine gefühlte Wissenschaft, es ist eine Wissenschaft. Teilweise undankbar. Seine Sommerferien waren immer deutlich kürzer. Stand der Stundenplan, folgte in den folgenden Monaten das Erstellen und Anpassen des Vertretungsplanes. Sein Dienst begann täglich um 6.45 Uhr. maha