Das war Anfang Juli, und Wünschewagen-Koordinator Manuel Möller setzte alle Hebel in Bewegung, dass Dieter Dobbertin bereits zu seinem 67. Geburtstag am 6. Juli wusste, dass sein sehnlichster Traum in Erfüllung gehen wird. Am Morgen des 14. Juli rollte dann der Wagen in Neuruppin vor, um Dobbertin mit seiner Frau Jutta sowie der jüngsten Tochter Britta, die extra aus Frankreich gekommen war, nach Loitz in Mecklenburg-Vorpommern zu bringen.
"Wenn Engel reisen" – auch das Wetter sei bei der Tour mit dem ASB-Wünschewagen perfekt gewesen, so Jutta Dobbertin. Da ihr Mann, der bereits seit 33 Jahren an Multipler Sklerose leidet und zudem eine Tumorerkrankung hat, nur liegend transportiert werden kann, wäre ein Besuch in Loitz ohne den Wünschewagen nicht möglich gewesen. 230 Kilometer lagen vor der Reisegruppe, die von den beiden Ehrenamtlichen des Wünschewagens, Krissy und Marcus, begleitet wurde. "Das sind Menschen, die hätte man besser nicht finden können", ist Dieter Dobbertin für die sensible Begleitung der beiden dankbar. "Es war eine ganz, ganz angenehme Zeit", bestätigt auch Jutta Dobbertin. "Die Ehrenamtler waren immer da, aber man hat sie nicht gemerkt. Sie waren unauffällig, aber eine große Stütze", ist die 67- Jährige dankbar. "Da wurden die richtigen Personen ausgewählt."

Bundesweites Projekt

Das bundesweite Projekt des ASB-Wünschewagens wird ausschließlich über Spenden finanziert. Die Touren werden von Ehrenamtlichen begleitet, die je nach Fahrgast die entsprechende medizinische Ausbildung haben. In Brandenburg fährt der blau-weiße Wagen zum Erfüllen von Träumen und Wünschen von Schwerstkranken seit 2016.
Auf der Tour nach Loitz gab es die erste große Überraschung für Dieter Dobbertin beim Mittagsstopp in der Gaststätte "Zum Alten Krug" in Süderholz. Dort wartete bereits Dobbertins zehn Jahre ältere Schwester Renate – "Reni" – auf ihren kleinen Bruder. "Wir haben uns zuletzt vor dreieinhalb Jahren gesehen", berichtet der 67-Jährige. Zwar telefoniere er jede Woche mit Reni, aber "zwischen telefonieren und sehen ist ein großer Unterschied". Die Augen glänzen, als er von dem Wiedersehen berichtet. "Etwas Schöneres gibt es nicht." Besonders die Umarmungen von ihr haben ihm Kraft gegeben.
Dann fuhr der Wünschewagen auf den elterlichen Hof in Loitz an der Peene. Dort lebt heute Dobbertins Schwester Renate mit Mann und Sohn, der vor Ort eine Pferdezucht betreibt. Der Besuch gab dem 67-jährigen Neuruppiner, der im Alltag meist auf sein Bett angewiesen ist, so viel Kraft, dass er die Zeit in Loitz im Rollstuhl verbringen konnte. Stolz ließ er sich von seinem Neffen das Gelände zeigen, auf dem er früher auch an einigen Umbauten mitgewirkt hatte. Denn der gelernte Baumaschinist arbeitete anfangs beim VEB Wohnungsbau Neubrandenburg und nach seinem Umzug nach Gildenhall bei der Zwischenbetrieblichen Bauorganisation (ZBO) in Alt Ruppin. Mit seinen Kollegen errichtete er bis zur Wende so manches Bauwerk im heutigen Amt Temnitz oder in anderen Dörfern der Region. "Bei dem Bau des Wohnblocks in Fehrbellin  war mein Mann Turmdrehkran-Führer", berichtet Jutta Dobbertin stolz. Auch das gemeinsame Haus in Gildenhall hat ihr Ehemann gebaut, der seinen Beruf mit viel Leidenschaft ausgeübt hat. Nach der Wende arbeitete er für die AWU und später für den Landkreis als Deponiewart.

Gemeinsame Erinnerungen in Vorpommern

Auf dem elterlichen Hof in Vorpommern tauchte er in die Vergangenheit ein. Gemeinsam wurden bis zum Abend alte Fotos angesehen und Erinnerungen ausgetauscht. Fünf Kinder seien sie damals gewesen, berichtet Dieter Dobbertin. Zwei Geschwister von ihm leben noch. Da gab es viel zu erzählen. Zumal auch noch seine Nichte aus Wittstock, die selbst keinen Führerschein hat, mit Mann und dem jüngsten Sohn hinzu gekommen war. So war es eine muntere Runde, die gemeinsam am Kaffeetisch bei selbst gebackenem Kuchen zusammensaß. "Wir haben Kaffee getrunken und gequatscht", so Dieter Dobbertin. Am liebsten esse er Kirschkuchen, verrät der 67-Jährige, der einst für seine große Liebe das Land im Norden verließ.
Vor 48 Jahren war er Fahrer für eine Musikgruppe, die auf einer Frauentags-Veranstaltung in Neuglobsow spielen sollte. Eine von den Frauen war seine spätere Ehefrau. "Es war Liebe auf den ersten Blick", so Dieter Dobbertin und sieht seine Jutta liebevoll an. Nachdem sie gemeinsam getanzt hatten, stand er zwei Tage später bei Jutta Dobbertin vor der Tür. Beide lächeln mild ob der schönen Erinnerungen. Die ersten Jahre sei er noch zwischen Neuruppin und Neubrandenburg gependelt, so die ehemalige Wirtschaftskauffrau. Seit 45 Jahren sind die beiden verheiratet. Sie haben zwei Töchter, Diana und Britta, die ihnen wiederum vier Enkelkinder im Alter von vier bis 13 Jahren geschenkt haben.
Bewundernd schildert Jutta Dobbertin, wie geduldig ihr Mann seit Jahren seine Krankheit ertrage. "Ich habe immer gesagt, dass ich eine deutsche Eiche geheiratet habe, aber auch die können schwächeln. Aber mein Mann hat doch noch so viel vor." Gemeinsam werkelten sie früher in Haus und Hof in Gildenhall. Heute lebt dort die älteste Tochter mit ihrer Familie. Jutta und Dieter Dobbertin trafen so eine vorausschauende Entscheidung für die Zukunft, als sie vor elf Jahren in eine Wohnung in Neuruppin zogen. So waren die Kinder dicht dabei, der Garten zum gemeinsamen Grillen oder Kaffeetrinken quasi vor der Tür, aber die Verantwortung konnten sie abgeben.

Reisen nach Frankreich

So blieb ihnen mehr Zeit fürs Reisen. Ihr sind besonders die Touren nach Ungarn in Erinnerung geblieben, er gerät von den Aufenthalten in Frankreich ins Schwärmen. Seit 17 Jahren lebt die jüngste Tochter Britta in Lothringen. Aktuell ist sie jedoch für acht Wochen in Neuruppin. Jetzt sei die Zeit der innigen Kontakte, der Umarmungen, der Gespräche und der Fürsorge, so Jutta Dobbertin. Natürlich wird dann auch gemeinsam mal ein Gesellschaftsspiel herausgeholt. War Dieter Dobbertin früher ein wahrer Skatkönig und liebte Dame und Mühle, wird heute "Abdone", ein Spiel mit Kugeln, gespielt. "Wissen Sie, wie toll mein Mann ist", schwärmt Jutta Dobbertin und sieht ihrem Dieter fest in die Augen. Immer wieder käme auch jetzt die Familie oder Freunde vorbei, die nicht nur Honig oder Erdbeeren aus dem Garten mitbringen, sondern so auch dem Alltag des Schwerstkranken Abwechslung verschaffen. "Die Zeit jetzt zeigt, wie gut wir unsere Freunde ausgesucht haben. Uns ist nicht langweilig", lächelt Jutta Dobbertin.
Der große Höhepunkt aber war die Tour mit dem Wünschewagen. "Da zehre ich noch lange von", so Dieter Dobbertin. Über ihm am Bett hängt eine kleine Maus, die ihm die Ehrenamtler geschenkt haben. Auf dem Tisch liegt ein kleines Fotoalbum mit den Bildern der Tour, das Krissy und Marcus noch auf der Rückfahrt zusammengestellt haben. "Ich kann nur jedem raten, den Wünschewagen in Anspruch zu nehmen", rät Jutta Dobbertin. "So können realistische Träume erfüllt werden, welche die Familie nicht mehr leisten kann. Man darf sich nicht davor scheuen, sich helfen zu lassen. Denn bei allen Träumen und Wünschen gibt es trotzdem eine Zukunft."