Einer der so genannten Allrounder ist Florian Matthäs, also einer, der auf beinahe allen Positionen eingesetzt werden kann. Nur zwischen den Pfosten, da gehört er nicht hin. Am wohlsten fühlt sich der 25-Jährige aber in der Offensivreihe. Genau dort wirbelt er seit dieser Saison für den MSV Neuruppin. Inklusive Testspielen netzte Florian Matthäs achtmal in elf Partien ein – in den vier Pflichtspielen dreimal.

Ausbildung an der Sportschule in Frankfurt (Oder)

Florian ist der um vier Minuten Ältere der Matthäs-Zwillinge. Beide durchliefen seit der siebten Klasse die Ausbildung an der Sportschule in Frankfurt (Oder). Beide schnürten die Töppen für die Frankfurter Nachwuchsmannschaften und stiegen 2015 mit den Männern aus der Oderstadt in die Oberliga auf. Felix wurde dann Ludwigsfelder, Florian Seelower. Eine Saison darauf waren sie schon wieder vereint beim Oberligisten in Ludwigsfelde. Jetzt aber trennten sich zum zweiten Mal die Wege: Wählte der jüngere Matthäs den Schritt zum ehemals ärgsten Widersacher des MSV Neuruppin, er wechselte zum Oberliga-Aufsteiger RSV Eintracht nach Kleinmachnow, so läuft der etwas ältere Bruder im Volksparkstadion auf. Und wie.

MSV-Trainer Bloch kommt ins Schwärmen

Trainer Henry Bloch: ,,Flo ist ein ungemein spielintelligenter und auch torgefährlicher Junge, der der Mannschaft extrem hilft. Er hebt sie auf ein anderes Niveau.“ Eine der Stärken des Neuen sieht der MSV-Coach: „Er bringt bewusst den Ball in die Zone, die wir in dieser Situation bespielen wollen.“ Und er ist gierig, fordert mit großer Laufbereitschaft den Ball. „Das wollen aber auch die anderen, Flo muss man genau das  klarmachen. Es macht Spaß, ihm zuzusehen, denn er macht schon geniale Dinge auf dem Rasen.“

Eineiige Matthäs-Zwillinge

Die Matthäs sind sich verdammt ähnlich. Optisch gebe es kaum Unterschiede, weiß Florian. „Nur wenn man genau hinsieht, dann sind andere Gesichtszüge zu erkennen. Die Stimme ist identisch, wen man von uns am Telefon hat, ist wirklich schwer zu sagen.  Ich war auch schon beim RSV zugucken und wurde dort am Spielfeldrand gefragt, warum ich denn nicht spiele“, schmunzelt Florian.
Die Matthäs sind eineiige Zwillinge. Geboren am 5. September 1995 in Potsdam, gefördert in Frankfurt, getrennt in diesem Sommer – dennoch fußballerisch auf einer Welle. „Ja, das stimmt“, bestätigt Florian. „Wir sind in unseren neuen Mannschaften ungeschlagen“ gewesen bis zum vorigen Sonnabend.
Der RSV sammelte bereits zwölf Oberligapunkte aus vier Spielen, der MSV sechs aus zwei. In der Pokalrunde trennen sich nun jedoch die Trends: Der RSV unterlag beim Aufsteiger zur Brandenburgliga Frankonia Wernsdorf nach 120 Minuten mit 4:5 – der MSV spielte sich zeitgleich gegen Einheit Bernau zeitweise in einen Rausch und gewann 5:2. Diese Pokalniederlage wurmt sehr, gesteht Felix.

Kreuzbandriss bei Felix Matthäs

Vielmehr aber ärgert ihn, dass nun das vorzeitige Saisonende blüht: In der Verlängerung verletzte er sich am Knie, musste ausgewechselt werden und bekam in der Kabine mit, dass seine Elf das fünfte Gegentor schluckte. Die erste Untersuchung lässt Böses erahnen: „Zu 95 Prozent ist es das Kreuzband, das gerissen ist“, sagte Felix. „Das linke, also das gleiche wie schon zweimal bei meinem Bruder.“ Sollte die Befürchtung sich beim MRT-Termin bestätigen, dann „werde ich mir die Zeit nehmen, die nötig ist und nichts übereilen. Ich habe gerechnet und denke, dass ich das Risiko in der laufenden Saison für zwei, drei Spiele nicht in Kauf nehmen würde.“

Florian Matthäs fühlt sich beim MSV super

Als ein Freund des „gepflegten Fußballs“, bezeichnet sich Florian. Genau den versprach ihm der MSV in den Vorgesprächen nicht nur. Die Sportliche Leitung setzte ihren Plan auch mit weiteren passenden Zugängen um. Es mache riesig Spaß, fasst Florian zusammen, weil das Saisonziel sowohl in den Partien als auch im Training und in den Gesprächen fassbar scheint. „Ich fühle mich super hier.“ Ob Rafael Prudente oder Dimitar Milushev oder Maximilian Janke - wer auch immer vorn mit mir spielt, das ist stimmig. Entscheidend für mich ist, dass ich eine klar definierte Position habe. Ich brauche einen Trainer, der die Struktur vorgibt und so umsetzen lässt.“

Mathias König als Talentformer

Henry Bloch ist so einer, der nicht nur den Matchplan entwickelt, sondern der „uns auch Lösungen an die Hand gibt, wie wir die Aufgaben lösen. Ich hatte schon einige Trainer in meiner Karriere, kaum einer erreicht diese Qualität. Hier ist einer, der uns taktisch herausragend vorbereitet und uns sein Ziel rüberbringt.“ Kaum einer? „Naja, einer steht soweit ich das nach eineinhalb Monaten beim MSV beurteilen kann über Henry Bloch: Mathias König.“ Er ist Nachwuchsleiter in Frankfurt und formte etliche Talente, darunter die Matthäs-Zwillinge.

Vollgas in jedem Training

Florian: „Für ein Brandenburgliga-Team haben wir wirklich hohe Qualität auf dem Platz, der Kader ist breit, man muss in jedem Training Gas geben, weil jede Position klasse besetzt ist.“ Gut und neu sei, dass in „jedem Training neue Reize gesetzt werden und es sehr, sehr abwechslungsreich ist. Man merkt auch im Umfeld, bei der Sportlichen Leitung, beim Vorstand, dass unsere Mannschaft an erster Stelle steht.“ Das Motto: Klares Ziel, klarer Plan. Selbst der Blick auf die Zuschauerränge trübt die Stimmung von Florian Matthäs nicht. „Klar, in Ludwigsfelde kommen 400, 500 Fans, das ist eine andere Stimmung. Aus meiner Sicht sind die schönsten brandenburgischen Stadien in Babelsberg, Luckenwalde, Ludwigsfelde, aber ich empfand es in Neuruppin gar nicht so leer“, widerspricht er. „Es verläuft sich eher. Ich freue mich, wenn wir guten Fußball spielen. Und wenn sich das in der Region rumgesprochen hat, das genau das beim MSV zu sehen ist, kommen auch mehr zu uns.“

Freude über Marcus Lemkes Tor

Mit einem Tor trug der laufintensive Offensivmann dazu bei. Dass er ausgerechnet im Spiel an seinem Geburtstag gegen FC Eisenhüttenstadt nicht eingenetzt hatte, wurmt „mich absolut nicht. Wer das Tor schießt, ist mir egal. Ich muss aber gestehen, dass mich das Tor von Marcus Lemke schon extrem gefreut hat: Comeback und gleich ein Tor.“ Der Kapitän hatte den Schlusspunkt beim 5:1 gesetzt, nachdem er sieben Monate wegen einer Schambeinentzündung ausgesetzt hatte. Dies ist eine der hartnäckigsten Verletzungen. Auch Florian war schon mehrfach zu Zwangspausen verdonnert, „daher weiß ich, was dahinter steckt, sich wieder ran zuarbeiten an die Mannschaft“. In der zweiten Saison bei den Männern des 1. FC Frankfurt riss er sich ohne Einwirkung des Gegners das vordere Kreuzband. Operation. Sechs Monate Pause. „Ich hatte ein gutes Gefühl, fing wieder an – leider zu früh.“ Wieder ohne Kontakt mit dem Gegenspieler, wieder das linke Knie, wieder das vordere Kreuzband. Diesmal jedoch nahm er sich mehr Zeit. Der behandelnde Art (Dr. Wagner) verordnete einen anderen Reha-Plan. „Das war dann ein sehr positiver Heilungsverlauf.“

Mehrere Knieverletzungen

Das Knie hält. Muss es auch. Denn Florian Matthäs stellt sich einer besonderen Voraussetzung. Nach dem Studium Arbeitsmarktmanagement, teils in Schwerin, teils in Berlin, fand er gleich eine Anstellung bei der Bundesagentur am Alexanderplatz. Er pendelt zwischen Wohnort Potsdam, dort hat er eine Wohnung mit seiner Freundin, dem Stadtzentrum Berlins und dreimal wöchentlich Training in Neuruppin sowie am Wochenende die Pflichtspiele in Brandenburgs Weite. Wenn’s glänzend läuft, dann sind es noch 34 Aufgaben: Punkt- und Pokalspiele. Auf dem Weg dahin könnte das mehr nicht eintreffen, was bislang in all den Jahren von den Matthäs vermieden wurde: Sie werden sich nach dem Pokal-Aus des RSV nicht als Kontrahent gegenüberstehen. „Das wäre wirklich sehr komisch. Denn ich spiele lieber mit Felix als gegen ihn.“ In der jetzigen Konstellation Innenverteidiger beziehungsweise Stürmer wäre es sogar vielleicht zum Zweikampf unter Zwillingen gekommen. Es sind nur noch drei Spiele bis ins Endspiel. In dieser aktuellen Konstellation scheint das bei ein wenig Losglück für den MSV machbar.“ Diesen Optimismus verbreitet Felix Matthäs, weil er die Leistung aus der ersten Halbzeit des Testspiels gegen den FSV Luckenwalde im Volksparkstadion gesehen hatte. Jetzt aber drückt nur noch der um vier Minuten jüngere Matthäs dem älteren die Daumen.