Es ging bei der Podiumsdebatte am Donnerstagabend in den Ruppiner Kliniken um nichts Geringeres als die Zukunft Ostprignitz-Ruppins. Den gut 20Jahre alten Landkreis wird es bald nicht mehr geben. Kaum ein Mensch will es, doch kommen wird es doch. Der Grund: Die Finanzflüsse von EU und Bund werden künftig spärlicher ankommen, die Bevölkerung wird weiter abnehmen, die kommunalen Verwaltungen müssen effizienter werden. Einerseits sollen sie mehr Aufgaben übernehmen, was zum Beispiel Schule, Wasserstraßen, Forst, Umwelt und so weiter betrifft. Andererseits sollen mit der Zusammenlegung von Verwaltungen die Kreisgebiete neu zugeschnitten werden: Mindestens 150000 Einwohner im Jahr 2030, höchstens 5000Quadratkilometer groß - so das aktuelle Leitbild.
Der Chef des Brandenburger Landkreistages, Peter-Paul Humpert, machte deutlich, dass ihm die Zahlen nicht gefallen. "Das sind Hausnummern, die aus unserer Sicht deutlich zu hoch gegriffen sind", sagte er. Das klang schön in den Ohren jener, die gern Ostprignitz-Ruppin in Gänze mit der Prignitz zusammenlegen wollen. Denn dieser Großkreis würde die 150000Einwohner 2030 wohl nicht erreichen (siehe Infokasten).
Aber es wäre eine Fusion auf Augenhöhe, machte Jörg Gehrmann klar: "Wir müssen das gut ausverhandeln", sagte er. Und da kam ihm Gerd Kliers Einwand höchst ungelegen. Der Neuruppiner Stadtverordnetenvorsteher will unbedingt seine Stadt als Kreissitz erhalten. Das müsse man den Prignitzern bei den aktuellen Gesprächen klar machen - quasi als Bedingung für eine Fusion. "Die Diskussion um einen Kreissitz ist verfehlt", machte Gehrmann lautstark klar. "Wir reden hier von Partnern und Nachbarn und sehen nicht, dass unser Partner auch Gefühle hat", kritisierte er Klier mit ansteigendem Tonfall. Er fände es vermessen, wenn man mit solch einem Anspruch in die Gespräche mit dem Landkreis Prignitz geht.
Diese führt im Übrigen Landrat Ralf Reinhardt (SPD). Er ließ sich nicht in die Karten gucken, aber es wurde deutlich, dass auch er nur eine Option favorisiert - und das ist nicht die, die das Land toll findet: den Kreis nämlich aufzuspalten und einen Teil nach Oberhavel abgeben, einen anderen zur Überbrückung des Großkreises Prignitz-Havelland. Dann, so Reinhardts Befürchtung, wären weder Perleberg noch Neuruppin, sondern Rathenow und Oranienburg die Kreissitze. "Das Land bevorzugt diese Variante nur, weil sie davon ausgeht, dass Kreise mit Berlin-Anschluss weniger von Landesmitteln abhängig sein werden", so Reinhardts Schlussfolgerung. Das solle man sich aber nicht diktieren lassen. "Wir führen mit der Prignitz weitere Gespräche", kündigte er daher an. Von Oberhavel war keine Rede.
Deutlich machte Reinhardt auch, dass es einen Beschluss des Kreistags über eine Fusionspräferenz geben soll. Am 27.August gibt es schließlich eine Sondersitzung von Ostprignitz-Ruppins höchstem Entscheidungsgremium - fünf Tage, bevor Innenminister Karl-Heinz Schröter nach Neuruppin kommt, um den Bürgern die Kommunal- und Funktionalreform vor- und das Leitbild zur Debatte zu stellen. Dass es zu einem Beschluss kommen muss, sieht auch Gehrmann so: Es reiche nicht, allein mit schriftlichen Bekundungen beim Innenministerium vorstellig zu werden, sagte er in Reaktion auf einen Wortbeitrag von Kreistags-chef Manfred Richter (SPD), der ebendies vorgeschlagen hatte. "Die Kreistage müssen mit Beschlüssen deutlich machen, was sie wollen", so Gehrmanns Wunsch. Und das möglichst bald: Jeder Tag, der ohne politische Willensbekundung ins Land streicht, mache Schröter nur stärker.
Inwieweit das sinnvoll ist, muss dahingestellt bleiben. Entscheiden können Kreistage nicht - das kann nur der Landtag. Dennoch warnte auch Lindows Amtsdirektor und SPD-Unterbezirkschef Danilo Lieske davor, die Hände in den Schoß zu legen: "Lieber selbst gestalten, als gestalten lassen." Lieske verwahrte sich aber vor separaten Schritte, wie sie Neuruppin vor Monaten mit der Kontaktaufnahme zu Oberhavel machte: "Unser Landrat ist unterwegs - und das ist für uns wichtig, da wir nur noch wenig Zeit haben." In einem fusionierten Kreistag mit Oberhavel würden Ruppiner nur noch ein Viertel der Abgeordneten stellen: "Das ist schlechter, als wenn wir auf Augenhöhe verhandeln."
Angesichts der vielfältigen Diskussion wurde deutlich: Die Frage, ob Neuruppin Kreissitz bleibt, ist - positiv formuliert - offen. Dabei machten Gäste wie der Bürgermeister aus Demmin, Michael Koch, deutlich, was eine Ex-Kreisstadt wie seine am Ende alles verlieren kann: Nicht nur viele Mitarbeiter der Kreisverwaltung gehen, sondern auch Richter, wenn das Amtsgericht im Nachgang verkleinert wird. Auch andere Juristen wandern dann ab. Vor allem: Die Wege nach Neubrandenburg, der neuen Kreisstadt, sind weit geworden: "Der Kontakt mit ehrenamtlichen Ansprechpartnern in solch weit entferntem Ort - das ist richtig schwierig", so Koch.
Ralf Osterberg von der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin hatte ausgerechnet, was passiert, wenn mit dem Kreissitz auch das Drumherum - zum Beispiel nach Oranienburg - abfließt: Neuruppin würde mit den Angestellten von Kreisverwaltung und -unternehmen auch viel Kaufkraft verlieren. Eines dieser Kreisunternehmen ist die Sparkasse selbst mit ihren rund 260Mitarbeitern. Sie erbrächten als Drei-Personenhaushalte Osterbergs Berechnungen zufolge eine Kaufkraft von mehr als elf Millionen Euro, sieben Millionen davon allein für Neuruppin. Sollte die Fontanestadt Ex-Kreisstadt sein und ein Großteil der Sparkassen-Mitarbeiter - Osterberg rechnet mit zirka 100 - abgezogen werden, riskiert die Stadt auch den Abfluss von rund 4,7Millionen Euro an Kaufkraft.

¦ Ostprignitz-Ruppin:Fläche: 2526,56 QuadratkilometerBevölkerung 2013: 99000 EinwohnerBevölkerung 2030 (Prognose 2010): 84000EinwohnerKreisstadt: Neuruppin (32000Einwohner)Bruttoinlandsprodukt 2010: 2,1Milliarden EuroZuschussbedarf für soziale Leistungen pro Kopf: 432EuroSozialversicherungspflichtige Beschäftigte 2011: 32500Erwerbslose, Mai 2015: 4791 (Quote: 9,2Prozent) ¦ Prignitz:Fläche: 2138,59 QuadratkilometerBevölkerung 2013: 78000 EinwohnerBevölkerung 2030 (Prognose 2010): 62200EinwohnerKreisstadt: Perleberg (12000Einwohner)Bruttoinlandsprodukt 2010: 1,6Milliarden EuroZuschussbedarf für soziale Leistungen pro Kopf: 451EuroSozialversicherungspflichtige Beschäftigte 2011: 26100Erwerbslose, Mai 2015: 4676 (Quote: 11,5Prozent) ¦ Oberhavel:Fläche: 1808,2QuadratkilometerBevölkerung 2013: 203000 EinwohnerBevölkerung 2030 (Prognose 2010): 190000EinwohnerKreisstadt: Oranienburg (42000Einwohner)Bruttoinlandsprodukt 2010: 4Milliarden EuroZuschussbedarf für soziale Leistungen pro Kopf: 300EuroSozialversicherungspflichtige Beschäftigte 2011: 50000Erwerbslose, Mai 2015: 8501 (Quote: 7,6Prozent)