Multiple Sklerose (MS) ist zwar nicht heilbar. Doch sofern sie früh genug erkannt und behandelt wird, ist für viele Menschen heute lange Zeit ein fast normales Leben möglich. Das weitgehend zu ermöglichen, ist auch das Anliegen der Spezialambulanz für Multiple Sklerose der Ruppiner Kliniken, die in der vergangenen Woche erneut für zwei Jahre von der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) als MS-Zentrum zertifiziert worden ist.

Siegel ist Wegweiser für MS-Patienten

„Für Patienten ist das der Hinweis, dass sie hier die besten Möglichkeiten für eine Therapie bekommen“, berichtet Bettina Delfanti, die Geschäftsführerin des brandenburgischen Landesverbands der DMSG. Bevor das Zertifikat verliehen wird, muss sich die Ambulanz daher einem Qualitätstest unterziehen. Dass Einrichtungen zertifiziert werden, heißt aber auch, dass deren gesammelten Daten der Forschung zur Verfügung gestellt werden – also auch zur Weiterentwicklung von Therapien genutzt werden. Zudem muss eine ausführliche Anamnese erstellt werden. Die Befunderhebung erfolgt standardisiert, und auch eine Nervenwasser-Untersuchung muss möglich sein, genau wie die Möglichkeit einer Untersuchung im Magnetresonanztomographen (MRT).

Nicht alle Patienten haben Symptome

All das erfüllt die Spezialambulanz in Neuruppin, die damit eine von elf Einrichtungen im Land Brandenburg ist. Aktuell kommen pro Jahr 242 MS-Patienten regelmäßig zu Untersuchungen in die Ruppiner Kliniken. Die Frequenz richtet sich auch nach der Schwere der Erkrankung. „Etwa ein Drittel der Patienten hat die Diagnose, ist aber fast symptomfrei“, berichtet Dr. Tobias Müller, der Chefarzt der Klinik für Neurologie, bei der die Spezialambulanz angegliedert ist. „Ein weiteres Drittel hat Symptome und die anderen haben dazu auch noch deutliche Behinderungen.“ Letztere bedürfen einer aufwendigeren Therapie, die auch mehr Besuche im Jahr vonnöten macht. Denn die Behandlungen können auch eine Belastung für den Körper sein. Entsprechend engmaschig verläuft die ärztliche Betreuung. Wer Infusionen bekommt, die für den Menschen ähnliche Auswirkungen wie eine Chemotherapie haben, muss alle vier Wochen in der Ambulanz erscheinen. „Das sind aktuell 68 Patienten“, berichtet Melanie Gober, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Christian Schmeißel in der Ambulanz arbeitet. Nur während des Corona-Lockdowns war das zwischenzeitlich eingeschränkt worden, weil MS-Patienten zu der Gruppe von Menschen zählen, die einem besonderen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.

Neuruppin

Auch sehr viele junge Menschen bekommen die MS-Diagnose

Dass jemand an Multipler Sklerose leidet, fällt oft durch Ausfallerscheinungen oder neurologische Symptome auf – beispielsweise wenn ein Arm taub ist oder Menschen plötzlich auf einem Auge weniger sehen können, berichtet Müller. Schnell erhalten sie dann in der Spezialambulanz Gewissheit. Das Ziel der Behandlungen, die sich dann anschließen, ist es laut Müller heute einerseits, die Anzahl der Schübe zu reduzieren und andererseits, die fortschreitenden Behinderungen hinauszuzögern oder sogar komplett zu verhindern. Dafür muss die Krankheit vor allem frühzeitig erkannt werden. „Etwa 60 Prozent unserer Patienten ist unter 40 Jahren alt“, so Müller. Deren Perspektive unterscheidet sich aufgrund der heutigen Therapien deutlich von dem, was Menschen noch vor einigen Jahrzehnten mit der Diagnose drohte. Das hat aber auch Nebenwirkungen. So lag der Altersdurchschnitt der früher aktiven MS-Selbsthilfegruppe zwischen 60 und 70 Jahren und stieg immer weiter an, weil jüngere Patienten dieser nicht beitreten wollen. „Sie wollen die Krankheit im Alltag nicht ständig vor Augen haben, sondern so normal wie möglich leben“, berichtet Delfanti. Zudem sei die Krankheit bei ihnen oft auch nicht so weit fortgeschritten, so dass sich die Erfahrungen der Menschen sehr stark voneinander unterscheiden würden.

MS-Café startet im Januar 2021

Daher wird nun auf eine andere Art und Weise des Austauschs gesetzt. Ab Januar 2021 soll mit dem MS-Café eine offene Gesprächsrunde gestartet werden. Diese soll danach alle vier Wochen stattfinden und sowohl Patienten als auch deren Angehörigen Hilfe bieten.
Wer zwischendurch Fragen zum Thema Multiple Sklerose hat, kann sich an das Infotelefon der DMSG wenden. An jedem ersten Donnerstag im Monat werden diese zwischen 16 und 18 Uhr unter 0331 292676 beantwortet.