Es ist aber auch zu schön und dramatisch, wenn am Ende die von allen zu Unrecht verschmähte Grete die Stadt und sich selbst in einem Amoklauf in Flammen setzt, weil niemand ihren Schrei nach Liebe hören will. Der Höhepunkt wurde in diesem Jahr nicht mehr nur angetrieben durch die wuchtig-atonale Musik von Siegfried Matthus, sondern erstmals durch das großformatig an die Klosterkirche projizierte, von Flammen umringte Gesicht der Hauptdarstellerin, was schön an das ähnlich gelagerte Finale von Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" erinnerte.
Doch zurück zum Anfang: Die Klosterkirche bot ohne Gerüst eine noch viel bessere Kulisse für Frank Matthus' Operninszenierung. Dass am Auftaktabend nicht alle Plätze belegt waren, schmälerte die Arbeit von Darstellern, Sängern und Theatermachern in keinster Weise. Die Oper über die Tochter eines Mannes mit zweifelhafter Herkunft, noch dazu arm und zur Hälfte Ausländerin, die 1617 das Städtchen Tangermünde an der Elbe niederbrennt, weil sie sich mit ihrem Bruder, einem angesehenen Ratsherren und dessen Frau um ein Erbe streitet, ließ keinen kalt. Zu den Musik- und Theaterfreunden auf den Rängen gesellten sich immer wieder Schaulustige hinter dem Zaun oder im "Spucknapf". Die 28-jährige zierliche Liudmila Lokaichuk gab ihrer Grete sowohl im Spiel, aber erst recht im Gesang so viel Kraft und Furor, dass man als Zuschauer hin- und hergerissen war zwischen dem Gefühl, sie tröstend in den Arm nehmen zu wollen oder ihr in ihrer Rage lieber aus dem Weg zu gehen.
Getreu dem Rat der netten Nachbarin Emrenz aus dem Fontane-Stück "Halt dich ans Leben, bete weniger, lebe mehr!" hatte Komponist Siegfried Matthus drei neue gefühlsbetonte Duette für "Grete" Liudmila Lokaichuk und ihren "Valtin", Cornelius Levenberg, geschrieben. Beide litten herrlich auf der Bühne, ihren Singstimmen gehört die Show. Angetrieben wurden sie von Matthus' schrägen Kompositionen. Von denen lassen sich einzelne Melodien zwar schwer merken kann. Das ist aber auch noch nie ein zwingendes Merkmal für Qualität gewesen. Eingeleitet mit schön fiesen Bass-Tönen wie aus einem Horrorfilm, wurden alle Auftritte der bösen Schwägerin Trud. Die Neuruppiner Schauspielerin Astrid Leberti verkörperte sie eindrucksvoll mit harter Stimme, ungnädigen Gesicht in einem strengen grauen Kleid. Wunderbar schmierig war auch Hans Machowiak als Ratsherr und Bruder Gerdt.
Das übrige Ensemble: Andreas Klein als Pastor Gigas und Bürgermeister Peter Guntz, von dem die Zuschauer erhofft, er könnte doch noch so etwas wie Verständnis für die arme Grete aufbringen. Judith Steinhäuser als verständnisvolle Emrenz und Birgit Schneider als Regine. Sie alle gaben stimmgewaltig Fontanes Text das nötige Rückrat. Furios wie immer bei Frank Matthus, die Gaukler-Truppe zu Beginn, wobei der Regisseur auch mal selbst schnell ins Kostüm schlüpfte. Die athletischen Jugendkunstschülerinnen hinter Masken ließen die Gespenster im Kopf der handelnden Figuren lebendig werden.
Stimmen aus dem Publikum reichten von: "Sehr schön. Ich könnte es mir morgen gleich wieder anhören", bis "Ich habe es jetzt zweimal gesehen, das reicht." Ein Neuruppiner bemerkte, die Geschichte lehre uns "mehr aufeinander zu achten". Ein anderer meinte, "vielleicht wollte Fontane auch nur die mangelhaften Brandschutzkonzepte jener Zeit kritisieren".