Der Anruf kam für Ulrike Liedtke vor etwas mehr als zwei Wochen sehr überraschend. Am anderen Ende der Leitung war ein Gerhard Szperalski aus Lübeck, der ihr sagte, er habe zwei Tagebücher von Ferdinand Möhring (1816 bis 1887). Szperalski meinte, die wertvollen Zeitzeugnisse seien bei der Möhringgesellschaft besser aufgehoben, als bei ihm. „Er kopierte mir ein paar Seiten und schickte sie mir. Später schickte er mir die kompletten Tagebücher per Post“, so Liedtke, die einst die Rheinsberger Musikakademie mitbegründet hat und viele Jahre leitete. Nun sucht sie Experten, die die alte, sehr klein gefasste Handschrift transkribieren. „Ich habe selbst einige Seiten gelesen, es ist aber sehr anstrengend und ich kann nicht alles entziffern“, sagt die Musikhistorikerin.
Aus den Notizen Möhrings auf zweimal 150 Seiten erhofft sie sich Erkenntnisse über die musikalische Erziehung in seiner Zeit, über Weggefährten, Förderer und den Zeitgeist jener Jahre. Die Tagebücher stammen aus den Jahren von 1830 bis 1835, also jener Zeit, in der der 1816 geborene Möhring ausgebildet worden ist. „Die Tagebücher geben also vielleicht hochinteressante Einblicke in die Bildungspolitik jener Zeit“, so Liedtke. In jenen Jahren wurde Möhring beispielsweise von Felix Mendelssohn Bartholdy gefördert. Dieser Einfluss schlägt sich auch in den Werken Möhrings nieder. Die Bücher enthalten, so viel konnte Liedtke schon entziffern, zum Teil Aufführungsbeschreibungen und Berichte aus Möhrings Unterricht.
Liedtke, die auch Präsidentin des Brandenburger Landtags und Stadtverordnete in Rheinsberg ist, hofft auch, dass die Aufzeichnungen ein Licht darauf werfen, wie Möhrings Privatleben lief, ob er Liebesgeschichten hatte aber auch, wie seine nationalistische Prägung zustande kam. Denn Möhring war einer der Mitbegründer des Deutschen Sängerbundes, der 1862 in Coburg gebildet wurde – neun Jahre vor der Gründung des Deutschen Reiches. „Die Idee eines einheitlichen Reiches hat in jener Zeit in vielen gegärt, aber die Sänger haben sie schon früh realisiert“, sagt Liedtke. Möhrings Begeisterung für die nationale Idee schlug sich auch in seinen Liedern nieder. So hatte er unter anderem das Buch „Deutsche Kriegsgesänge“ verfasst.
Die große musikalische Karriere blieb dem Komponisten verwehrt. Er hatte zwar neben Vokalmusik auch eine Sinfonie sowie Klavier- und Orgelmusik komponiert. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich aber als Chorleiter und Kantor. „Vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen, wenn sein Förderer Mendelssohn nicht so früh gestorben wäre“, mutmaßt Liedtke. Als lokale Persönlichkeit habe Möhring jedoch in ihren Augen eine gewisse historische Relevanz.
Die Auswertung seiner Tagebücher wird neue Erkenntnisse zutage fördern. Aber das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. „Das ist ein richtiges wissenschaftliches Projekt“, sagt Liedtke. Sie hofft, einen Studenten für die Erforschung der Tagebücher gewinnen zu können, der sich mit jener Epoche befasst. Zweifel an der Echtheit der Tagebücher hat Liedtke nicht. „Dafür war Möhring historisch nicht bedeutend genug, dass jemand so einen Aufwand einer Fälschung betreibt“, sagt sie.
Am Montag präsentierte Ulrike Liedtke die Tagebücher bei der Versammlung der Möhringgesellschaft in Rheinsberg. Dabei wurde auch der Film vorgestellt, den die Fernsehjournalistin Uta Greschner über den Komponisten produziert hat. Die Originale der Tagebücher möchte Liedtke an ein Museum oder an die Staatsbibliothek übergeben, „irgendwohin, wo sie nützen“, so die Musikhistorikerin.