Chef auf der Baustelle ist Eric Engelbracht, der das historische Gebäudeensemble vor zwei Jahren erworben hat. Es ist zwar kein Baudenkmal, aber es besteht ein sogenannter Ensembleschutz zum Dorfplatz hin. 1784/85 wurde das Fachwerkhaus in der Dorfstraße 35 errichtet. Fünf Jahre später erhielt der damalige Besitzer das Schankrecht, das bis dato die benachbarte Poststation innehatte. Bis kurz nach der politischen Wende 1989 wechselten dann zwar die Besitzer des Fachwerkhauses, das um 1900 den Namen "Gasthaus Wildpark" hatte und später "Gasthof zum Temnitzquell" hieß. Aber es blieb immer eine Gastwirtschaft. Nach der Wende verwandelte sich ein Teil des Saals in eine Kletteranlage für Schulklassen. Und zuletzt hatten sich Toningenieure aus Leipzig als Peace Island GmbH im Schankhaus ein Tonstudio eingerichtet, während im Saal das Schlagzeug stand.
Eine lange Geschichte
Engelbracht kann viel über die Häuser erzählen. Beispielsweise, dass sich hinten auf dem Grundstück früher ein Eiskeller befand, darüber ein Pavillon, in dem eine Kapelle zum Tanz aufspielte. Seinen zeitweiligen Namen Wildpark verdankte der Gasthof dem Damwild, das hinter dem Saal gehalten wurde. Außerdem gab es zeitweise eine Kegelbahn und sogar eine Schießanlage, berichtet Eric Engelbracht, der ursprünglich aus Stiepel stammt, das zu Bochum gehört. Unzählige Rägeliner haben in dem Gasthof ihre Hochzeit oder Geburtstage gefeiert. Sie können noch heute von den Vereinsversammlungen und Treffen berichten, so der 50-Jährige, der vor 16 Jahren nach Berlin kam und seinen ersten Wohnsitz in Rägelin anmelden will.
Doch bis dahin ist es für den studierten Kunsthistoriker noch ein langer Weg. Am Montag stellte er sich und seine Pläne den Gemeindevertretern in Rägelin vor. "Es soll ein öffentlicher Ort werden", versprach er. Jedoch werde weder eine Gastwirtschaft noch eine Disco einziehen. Stattdessen plant Eric Engelbracht einen Treffpunkt für Künstler. "Es soll ein Ort werden, an dem Künstler wohnen, arbeiten und ausstellen können." Maler, Bildhauer, darstellende Künstler und auch einen Dorfschreiber könne er sich vorstellen, so Engelbracht. So sollen Zimmer entstehen, in denen die Kreativen leben können. Auch Werkstatt und Atelier sind geplant. Der alte Saal von 1904, in dem früher gefeiert wurde, soll zukünftig mit öffentlichen Ausstellungen und anderen kreativen Veranstaltungen wieder zum Leben erweckt werden. Als Zielmarke formulierte Engelbracht den Sommer 2021.
Dann werden jedoch noch nicht alle Teile des Gebäudeensembles fertig gestellt sein. "Ich arbeite mich von hinten nach vorne", so der 50-Jährige, der auf die Unterstützung eines Architekten und Statikers, Freunden sowie seines Nachbarn Marcus Butzek, der Zimmermann und studierter Maler ist, zählen kann. Butzek hat bereits der alten Poststation nebenan neues Leben eingehaucht. Rund 700 Quadratmeter umfasse die beheizbare Fläche, so Engelbracht. Hinzu kommen Lagerräume und Keller, von denen es verschiedene unterhalb des Schankhauses, des Übergangsbau, in dem eine Toilettenanlage geplant ist, sowie unter dem Saal gibt. Beim Abriss der Toiletten im rückwärtigen Anbau aus DDR-Zeiten habe er sich gefühlt "wie in einem Dschungel", lacht Engelbracht. "Da lebten die Wände." Er verrät, dass er beim Kauf des Gebäudes die Dimensionen unterschätzt habe. "Ich war sehr naiv."
Zeit für Rägelin
Hauptberuflich ist Eric Engelbracht für die Berliner Kulturprojekte GmbH als selbstständiger Produktionsleiter für Veranstaltungen wie beispielsweise "75 Jahre Kriegsende" oder "25 Jahre Mauerfall" sowie die Berliner Art Week oder die Lange Nacht der Museen zuständig. Da jetzt wegen der Corona-Krise alles abgesagt wurde, blieb dem 50-Jährigen mehr Zeit, sich um die Baustelle in Rägelin zu kümmern, dessen Historie ihm ebenfalls sehr am Herzen liegt. "Die Umgebung hat viele Geschichten zu erzählen." Und wenn die Arbeit es zulässt, wird auch mal gemeinsam der Billardtisch im Saal genutzt.

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