Doch dann veränderte ein Virus auch die Welt der Sänger aus der Fontanestadt. Das Chorfest wurde auf 2022 verschoben, und Anfang März fand in Neuruppin die letzte Chorprobe statt. Nun aber hat Chorleiter Nils Jensen, der zu Jahresbeginn das Amt von Chorgründer Hans-Peter Schurz übernommen hat, eine Möglichkeit gefunden, zumindest virtuell mit seinen Sängern in Kontakt zu bleiben und weiter zu proben.

Chorprobe über Zoom

Am Dienstag findet bereits die zweite Probe auf der Plattform Zoom statt. Mit der ersten Ausgabe in der vergangenen Woche waren Chor und Dirigent schon einmal zufrieden. "Ich war überrascht, wie viele mitgemacht haben", freut sich Nils Jensen.
Pünktlich um 19.15 Uhr hatten sich rund 24 Sänger in das System eingeloggt. Anfangs waren noch sämtliche Mikrofone eingeschaltet, so dass erst einmal Wiedersehensfreude ausgetauscht werden konnte. Einige Musiker kämpften zudem mit einer schlechten Internetverbindung oder technischen Schwierigkeiten. Als diese behoben waren, wurden die Mikros auf stumm gestellt und die Probe begann wie sonst auch mit dem Einsingen.
Nach Anweisung von Nils Jensen wurden die Muskeln gedehnt, die Arme gestreckt, das Zwerchfell gelockert und die Stimme mit verschiedenen Übungen aus dem Winterschlaf geweckt. Doch statt in der Aula des Schinkelgymnasiums geschah das jetzt im heimischen Wohn- oder Arbeitszimmer, auf dem Sofa oder dem Küchenstuhl. Und sogar in der Sauna wurde gesungen.

Neue Gesänge für 2021

Dann ging es ans Programm. "Canticum novum", was übersetzt etwa neue Gesänge bedeutet, ist die Überschrift zu den Titeln, die ursprünglich in Leipzig und auch im Juni im Tempelgarten aufgeführt werden sollten. Nils Jensen will das Projekt nun auf 2021 verschieben. Er kann sich aber auch vorstellen, einige Titel zu Weihnachten zu singen – wenn dann wieder Konzerte gestattet sind. Ob Bonhoeffers "Von guten Mächten" oder der 100. Psalm von Felix Mendelssohn Bartholdy – den Sängern tat es gut, endlich wieder gemeinsam zu singen. Auch wenn keiner den anderen hören konnte. Lediglich der Chorleiter und sein Klavier waren zu hören.
"Das ich die Chorsänger nicht hören kann, ist die größte Schwierigkeit dieses Programms. Die direkte Rückmeldung fehlt", so Jensen, der diese Form des Probens nur als absolute Grundversion sieht, um einerseits den Kontakt zu den Sängern zu halten und zumindest ein wenig Musik zu machen. Die zeitlichen Verzögerungen bei der Übertragung machen ein tatsächlich gemeinsames Musizieren unmöglich. Doch mittlerweile gebe es Projekte, in denen Programme für Online-Proben erarbeitet werden. "Bis dato gab es nicht den Bedarf. Jetzt gibt es zwei, drei vielversprechende Wege, die auch userfreundlich sein sollen", so Jensen.

Das Schöne am Beruf sind die Konzerte

Doch bis die auf dem Markt sind und wieder reelle Proben gemeinsam in einem Raum erlaubt sind, wird sich weiter über Zoom getroffen. "Toll, dass das überhaupt geht. Ich wollte ein Minimum ermöglichen", ist er dennoch ein wenig deprimiert. "Das schönste an meinem Beruf sind die Konzerte, in denen etwas zwischen Chor, Dirigenten und Publikum passiert. Die chorischen Grundlagen dafür werden bei den Proben gelegt", so Jensen. "Beide Kompetenzen sind zur Zeit kein Thema für meinen Beruf."
Zu Anfang habe ihm die Corona-Krise den Boden unter den Füßen weggezogen, berichtet der 35-Jährige. "Der ganze Kalender war leer. Eigentlich hätte ich viel zu tun gehabt, Chorreisen und Musicalprojekte. Und plötzlich ist alles weg." Doch nach den anfänglichen Sorgen wegen der beruflichen Unsicherheit habe er sich schnell Gedanken gemacht, wie es weitergehen kann.
Für die Sänger spielte er Übe-Dateien ein, damit wenigstens im kleinen Kämmerlein weiter gesungen werden konnte. "Ich wollte meine Sänger weiter motivieren." Zumal die Zusammenarbeit mit dem A-cappella-Chor Neuruppin ja noch frisch ist. "Ich war beeindruckt, aber der Vorstand hat nie etwas in Frage gestellt." Im Mai sollen dann wieder erste Zukunftspläne gemacht werden. "Keiner hat Lust, ewig im Krisenmodus zu sein", so der Musiker. Besonders, weil im kommenden Jahr der 50. Geburtstag des Tradition-Ensembles ansteht, der gebührend gefeiert werden soll.

Freude bei den Sängern

Und so freuen sich die Sänger, dass sie wenigstens virtuell weiter gemeinsam proben können. Immer wieder erklärt der Chorleiter, gibt Tipps, macht kleine Witze und fragt nach. Mit Handzeichen – Daumen rauf oder runter – signalisieren ihm die Sänger, ob sie die Liedstelle noch einmal wiederholen wollen oder eine Stimmgruppe ihre Noten noch einmal hören möchte. "Es war schön, alle einmal wiederzusehen. Als Notlösung ist das total super. Und die Übe-Dateien helfen", so das Fazit von Sopransängerin Heike Raabe.
Der Vorteil dieser Probenmethode sei zum einen, dass jeder einfach drauf lossingen kann, da niemand ihn hört, erklärt der Chorleiter. "Jeder ist auf sich selber angewiesen und muss für sich Verantwortung tragen." Zum anderen wird viel wiederholt, so dass sehr genau an den Tönen gearbeitet werden kann. "Es ist ein langsames, dafür aber ein genaues Arbeiten", so Jensen. "Ich bin gespannt, was bei dieser Probenmethodik rauskommt. Aber das werde ich erst sehen, wenn ich die Chorsänger wiedersehe", lacht er.
Sorgen macht den Sängern nur, wie die Chormitglieder eingebunden werden können, denen die technischen Möglichkeiten für eine Onlineprobe fehlen. "Es würde mir leid tun, wenn einige den Faden verlieren. Ich war aber erstaunt, wie gut die Probe gelaufen ist", so das Resümee von Simone Schwarzkopf. Manfred Raabe ergänzt: "Es war eine tolle Probe, aber viel schöner ist es, wenn wir alle zusammenstehen und die eigenen Stimmen hören."