So oblag es Jauer, die 1994 verstorbene Gründerin des ungarischen Malteser-Verbandes in den Vordergrund zu rücken: Sie war es, die sich im Sommer 1989 um die DDR-Flüchtlinge in Ungarn kümmerte. 30- bis 40000 von ihnen harrten in Lagern bei Budapest aus. Die Politik in Bonn hatte etwas ratlos die Hände in den Schoß gelegt; die DDR-Führung fand ohnehin immer, dass alles in Ordnung sei. Die damals 48-jährige Nachfahrin einer ungarisch-deutschen Adelsfamilie packte an, stellte die DDR-Bürger völkerrechtlich unter den Schutz des internationalen Malteserdienstes, ließ ihre Drähte zu den ungarischen Behörden spielen und konnte lange vor Prag - die Worte des ungarischen Politikers Gyula Horn übersetzend - am 10.September 1989 die Worte verkünden: "Die Bürger der DDR dürfen über Ungarn ausreisen."
Jauer war Gast des Wende-Symposiums der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Der 74-Jährige war jahrelang Osteuropa-Korrespondent des ZDF. Rund 40 Besucher waren gekommen. Bei Jauer saß Arne Krohn. Der Neuruppiner Vize-Bürgermeister erlebte als Jugendclub-Engagierter in einer deutschen Kleinstadt in der DDR den Umbruch mit. Beide ergänzten sich durch ihre verschiedenen Perspektiven - und konnten detailliert und anekdotenreich quasi aus dem Nähkästchen plaudern.
Die historischen Stunden der Wende - insbesondere die sich über Ungarn und die CSSR akzentuierende Flüchtlingsbewegung - verfolgte Jauer schon aus beruflichen Gründen intensiver mit als manch anderer. Da wundert es kaum, dass er das Augenmerk für die Ursachen des Umbruchs nicht auf den inneren Widerstand in der DDR legt, sondern in den Massen, die dem Land den Rücken kehrten: "Die Zusammenhänge der Flüchtlingsbewegung müssen wir im Blick behalten", sagte er. "Sie haben der friedlichen Revolution erst die Vitaminspritze verpasst und diese Vielzahl von Menschen in Leipzig und anderswo mobilisiert."
Sein Ansatz zum Umbruch legt Jauer aber weiter zurück an: mit der Wahl Karol Wojtylas 1978 zum Papst Johannes PaulII. Der Heilige Vater stellte sich bei Reisen in sein Heimatland Polen ganz offen gegen die kommunistische Führung dort. Zum anderen konnte er massenhaft Menschen mobilisieren, die erkannten: Wir sind nicht allein. Als die freie Gewerkschaft Solidarnósc in Polen verboten wurde, solidarisierte sich der Papst mit seinen Landsleuten und schalt vor laufender Kamera wirkungsvoll die Machthaber, die das Land unters Kriegsrecht stellten.
Dem sozialistischen Block war mit dem renitenten Polen ein Zacken aus der Krone gebrochen. Auch das habe Gorbatschow neben der innenpolitischen Perestroika-Politik außenpolitisch umdenken lassen. Die Satellitenstaaten waren nun an der langen Leine. Ungarn nutzte das als erstes, rehabilitierte 1988 bei einer Massendemonstration hingerichtete Politiker des von der Roten Armee niedergeschlagenen Aufstands 1956 und baute ab 2.Mai 1989 die Grenzanlagen ab. Da räumte Jauer gleich mit einem weiteren Mythos auf: Dass der Österreicher Alois Mock und der Ungar Gyula Horn, beide Außenminister, damals den Zaun durchschnitten, und für DDR-Bürger so den Weg freimachten, ist Legende. "Das war damals eine Wahlveranstaltung", so Jauer: Die ungarische Armee habe extra noch einmal einen Zaun hochgezogen, damit der Wahlkämpfer Horn den Drahtschneider ansetzen konnte. Dennoch werde, so Jauer kopfschüttelnd, jetzt noch, zum Beispiel durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, das Foto der zangenbewehrten Politiker als Initialzündung fürs DDR-Schlupfloch verkauft.
An Ungarn hat auch Arne Krohn seine ganz besondere Erinnerung. Er erzählte von einem ungarischen Freund, der, per Anhalter fahrend, jedem, der ihn mitnahm, als Geschenk ein Stoffstück Nationalfarben schenkte: "Nicht vorzustellen, dass wir das mit "schwarz-rot-gold' gemacht hätten."
Anknüpfend an Jauers Ausführungen machte diese Anekdote auch für Neuruppiner deutlich, wie wichtig die Ereignisse in anderen Ländern sein können, um zu neuen Einstellungen zu kommen. Nicht umsonst las man im Jugendfreizeitzentrum gern das bald verbotene UdSSR-Magazin "Sputnik", um einen Hauch Perestroika zu erhaschen. Krohn schnappte sich bei einem Rückflug aus der UdSSR die "Moscow News", um zu lesen, was Gorbatschow sagt und sich keine DDR-Zeitung zu schreiben traute. Und er lernte im internationalen Austausch, dass so vieles anders ist, als die DDR-Bildung zu vermitteln suchte: "Wir hatten eine Partnerschaft zu einem estnischen Jugendclub aufgebaut", erzählte Krohn. "Als sie bei uns zu Besuch waren, lernte man erst einmal, dass es Russenhass gab." Die Estnische SSR war eben nicht einfach eine Sowjetrepublik wie jede andere. Estland war eine eigene Nation, die unter der SU-Herrschaft ihre eigene Kultur zu verteidigen hatte.
Der Bogen zur Gegenwart ist auch gespannt worden. Jauer selbst kam nicht umhin, ihn zu ziehen: Man solle Polen, Tschechien und Ungarn im Kopf behalten, wenn man jetzt über Syrien und andere Flüchtlingsregionen berichtet. Das ließ auch Karin Henoch im Publikum deutlich werden: Sie entstamme selbst einer Familie, die über Generationen von Flucht und Vertreibung betroffen war. "Es sind mutige Menschen, die diesen Weg gehen", sagte sie. "Jetzt erlebe ich so viel Gleichgültigkeit den heutigen Flüchtlingen gegenüber. Darüber bin ich sehr erstaunt und auch entsetzt." Eine vielleicht sogar noch viel bitterere Schande.