Stellen Sie sich vor, Sie gehen einkaufen und nutzen mitgebrachte Behälter für Milch, Mehl, Obst sowie Reinigungsmittel. Sie sorgen so aktiv dafür, dass weniger Plastikmüll in der Umwelt landet. Wie sich derzeit in Neuruppin zeigt, sind ältere und jüngere Menschen gleichermaßen aufgeschlossen für dieses Konzept. Die Idee erscheint gleichermaßen radikal neu und altbekannt. Immerhin war das bis vor einigen Jahrzehnten Standard, ehe Plastikverpackungen in allen Bereichen des Lebens Einzug gehalten haben. Ein Unverpackt-Laden, wo Waren verkauft werden, die eben nicht extra in Plastik eingeschweißt sind, soll jetzt in der Fontanestadt eröffnet werden.
Elena Thayenthal hat sich bewusst für den Ladennamen "Tante Emma Unverpackt" entschieden. "Ich möchte alte Gewohnheiten und Lebensweisen mit modernen Möglichkeiten kombinieren", sagt die 32-Jährige. Anbieten wird sie alles, was ansonsten verpackt verkauft wird. Und Dinge, die sie selbst herstellt. So sollen Menschen von ihren Erfahrungen, wie sich auf Plastik verzichten lässt, profitieren. Und auch auf selbst gebackene Kuchen und anderen Lebensmittel zurückgreifen können.
Die Idee zu dem Laden kam Elena Thayenthal, nachdem sie schon Jahre damit verbracht hat, ihren eigenen Plastikverbrauch komplett herunterzufahren. "Ich habe schon immer versucht, nachhaltig zu leben. Richtig konsequent habe ich das mit dem Plastik dann vor vier Jahren in Angriff genommen, nachdem ich den Film ,Plastic Planet‘ von Werner Boote gesehen habe." Der Dokumentarfilm zeigt die Abhängigkeit der Menschen von Plastik und belegt, welche Spuren dessen enormer Verbrauch in der Umwelt hinterlässt. Thayenthal begann damit, Plastik im Haushalt schrittweise zu ersetzen. Zudem stellte sie fortan mehr selbst her: von Kuchen, Müsli und Schokolade über Kosmetik, Zahnpasta, Geschirrspül-Tabs und Waschmittel bis zu Stricksachen für die vier Kinder.
Nachdem sie in den Jahren danach viel Energie darauf verwandt hat, Plastik aus allen Bereichen ihres Leben zu verbannen, stellte sie fest, dass es trotzdem noch immer nicht komplett ohne geht, unter anderem beim Einkaufen.  Vor allem aber ist die Suche nach Alternativen oft sehr zeitintensiv. "Ich habe mir auch gedacht: "Wenn ich das für mich schon nur mit so viel Aufwand schaffe, wie geht es dann den anderen Menschen?"
Gut vorbereitet auf das Wagnis
Als sie dann mit ihrer Familie vor einem Jahr nach Neuruppin gezogen ist, wollte sie schließlich hier den Schritt wagen, sich mit dem Unverpackt-Laden selbst und der Region einen Ausweg beim Einkaufen zu bieten. Was folgte, war ein Existenzgründer-Seminar der IHK, Beratungen mit dem städtischen Wirtschaftsförderer Inkom und Hilfe von vielen anderen Stellen, wie den Gründerlotsen, berichtet Thayenthal. All das war auch ein Sprung ins kalte Wasser. Erfahrungen hatte die 32-Jährige neben der Schauspielerei zwar schon im Verkauf und im Hotelgewerbe gesammelt. Doch für die Herausforderungen eines Unverpackt-Ladens wollte sie so gut wie möglich vorbereitet sein.
Anbieten möchte sie dort nicht nur Essen, sondern auch Artikel wie festes Shampoo und überhaupt all das, was es anderswo nicht als nachhaltige Produkte gibt. "Daher überlege ich noch, wie das mit Reinigungsmitteln wird. Ich möchte nicht, dass die in Plastikbehältern im Laden stehen", überlegt die Inhaberin in spe. Wo der Standort des Ladens ist, der voraussichtlich im August seine Türen öffnet, steht noch nicht fest. Thayenthal hat zwei Angebote nahe des Stadtzentrums, aber noch keinen Mietvertrag unterschrieben.
Damit möchte sie warten, bis der nächste Schritt gegangen ist. Bevor der Laden eröffnet werden kann, gibt es nämlich noch eine Hürde zu überwinden, die normale Geschäfte in der Form nicht haben. Damit alles wirklich unverpackt verkauft werden kann, sind im Gegensatz zu regulären Regalen aufwendige Spendersysteme notwendig. Schließlich sind trotz allem Hygienestandards einzuhalten. 40 gläserne Spender für Schüttgut wie Getreideprodukte sollen angeschafft werden, zusätzlich noch ein Kassensystem.
Zur Finanzierung setzt die Jung-Unternehmerin auf die Neuruppiner. Seit vergangener Woche läuft eine Crowdfunding-Aktion, also eine Art offene Spendensammlung, bei der das Geld erst abgerufen wird, wenn eine vorher festgelegte Summe für einen festgelegten Zweck erreicht wird. 15 000 Euro sind es, die Thayenthal sammeln möchte. 10 000 Euro davon werden allein in die Glasspender investiert.
Die Aktion wurde vor allem über Netzwerke wie Facebook und Instagram verbreitet. Die Resonanz war beeindruckend. "Ich war wirklich sehr überrascht, wie viele Reaktionen und Rückmeldungen ich erhalten habe. Ganz viele haben sich gemeldet und gesagt, dass sie das toll finden und eine ähnliche Idee auch schon selbst hatten", freut sich die Neuruppinerin. So kamen innerhalb weniger Tage Zusagen über mehr als 1 100 Euro zusammen. Bis zum 10. Juni läuft die Crowdfunding-Kampagne noch. Parallel dazu gibt es auch für Menschen, die wenig im Internet aktiv sind, eine Möglichkeit, Geld für das Vorhaben zu spenden. Thayenthal wird das Projekt am 23. Mai in der Vortragsreihe des WoMeNa-Vereins in der Cafeteria der WBG-Seeresidenz in Neuruppin erläutern. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. "Ich werde das Projekt vorstellen, über Plastik und Recycling reden, darüber, welche Länder den höchsten Plastikverbrauch haben, und was man als Einzelner tun kann", sagt die Jungunternehmerin.
Wer das Vorhaben unterstützen möchte, findet weitere Informationen bei Facebook bei "Tante Emma Unverpackt" und kann spenden unter bit.ly/2LwRo4S.