Mit dieser Illumination beteiligte sich der Theatersommer Netzeband an der bundesweiten Aktion "Night of light", mit der auf die dramatische Situation der Veranstaltungswirtschaft infolge der Corona-Krise aufmerksam gemacht werden sollte. Bundesweit waren über 9100 Theater, Konzerthäuser und Veranstaltungsorte rot angeleuchtet. Insgesamt beteiligten sich mehr als 8350 Firmen an der Aktion. So leuchteten im Landkreis auch die St-Laurentius-Kirche in Rheinsberg, das Fachwerkhaus in Manker und der Weidenhof Simon bei Wittstock. In Neuruppin hatten sich die Veranstalter Christian Juhre und Andreas Vockrodt der Aktion angeschlossen, so dass der Hangar 312, das Kulturhaus Stadtgarten und die Pfarrkirche am Abend ganz in Rot erstrahlten.
Appell an die Politik
Seit dem 10. März sei einem kompletten Wirtschaftszweig faktisch die Arbeitsgrundlage entzogen, heißt es in der Begründung zu der Aktion. Durch die Corona-Krise wurden von einem auf den anderen Tag sämtliche Veranstaltungen abgesagt, von Business Events, Tagungen, Kongressen, Konzerten, Festivals und Feiern bis hin zu Opern- und Theateraufführungen. "Die Veranstaltungswirtschaft steht auf der Roten Liste der akut vom Aussterben bedrohten Branchen", mahnen die Macher der Aktion, die von Tom Koperek, der in Essen eine Laserfirma betreibt, initiiert wurde. "Ursprünglich wollten sich nur 50 regionale Mitstreiter daran beteiligen", weiß Henning Schletter, der mit Koperek befreundet ist. Doch dann zog die Aktion immer größere Kreise. "Wir wollen darauf aufmerksam machen, wie groß die Veranstaltungsbranche eigentlich ist", so der Mann aus Manker, der ursprünglich aus Neuruppin kommt und seit 25 Jahren als Lichtgestalter international tätig ist. "Wir sind die zweitgrößte Branche nach der Autoindustrie", so Schletter. "Das wissen viele Menschen aber gar nicht."
Denn das Merkmal einer guten Show sei, dass das Publikum verzaubert werde, aber von den Machern überhaupt nichts mitbekomme, erklärt der Lichtdesigner das Problem. "Uns sieht man oft nicht. Wir bewegen uns im Hintergrund." Mit der "Night of light" wollte  sich die Veranstaltungswirtschaft zeigen und auf sich aufmerksam machen. Ziel ist, mit dieser Aktion einen Appell an die Politik zu richten, um ins Gespräch zu kommen, wie die Branche gerettet werden kann.
Denn die Lage ist prekär. Auch für Henning Schletter, der sonst in der ganzen Welt unterwegs ist. Mal ist er für die Fashion Week in Berlin oder New York im Einsatz. Dann wieder illuminiert er Sportveranstaltungen wie die Uefa Champions League oder gestaltet Autopräsentationen in China. Aber auch Opern-Produktionen in Hongkong oder das Kabarett-Festival auf 3Sat stehen in seinem Terminkalender. "Ich hatte für 2020 ein volles Auftragsbuch", berichtet der selbstständige Lichtdesigner, der als Einzelunternehmer tätig ist. Als erste Veranstaltung wurde ihm die Gala der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) gecancelt. "Dann ging es Schlag auf Schlag." Als sämtliche Veranstaltungen abgesagt wurden, brach für den 47-Jährigen die Lebensgrundlage weg. "Es ging von 100 auf Null. Wir waren der erste Wirtschaftszweig, der von der Corona-Krise getroffen wurde, und wir werden vermutlich am längsten und stärksten von den Auswirkungen betroffen sein."
Aushilfe in der Bäckerei
Um seine Familie – die vier Kinder sind zwischen acht und 17 Jahre alt – weiter versorgen zu können, nahm Schletter einen Aushilfsjob nachts in einer Bäckerei an. "Ich habe alle Kosten wie Versicherungen runtergefahren. Aber die Steuern werden nur gestundet und nicht erlassen", berichtet er. Umso mehr habe er sich gefreut, als innerhalb weniger Tage die Soforthilfe überwiesen wurde. Als er diese beantragt habe, sei noch nicht klar gewesen, dass mit dem Geld nur Betriebskosten, aber keine Ausgaben zur Lebenshaltung gedeckt werden dürfen. Jetzt muss der vierfache Vater, wie viele andere Solo-Selbstständige auch, das Geld zurückzahlen. Denn außer Telefonkosten, Versicherungen oder seinen Computer, an dem er die Lichtdesigns plant, habe er keine Betriebskosten.
Doch trotzdem muss er seine Familie ernähren. Er habe die Dynamik und die Dimension der Pandemie unterschätzt, gibt Schletter zu. Jetzt bereite ihm die Ungewissheit Sorgen. So wurde beispielsweise das Finale der Handball Champions League vom Mai auf September und dann bis nach Weihnachten verschoben. "Ich weiß bis jetzt noch nicht, ob es nicht doch ein Geisterspiel wird und ich deshalb gar nicht gebraucht werde." Immerhin kam jetzt die Zusage, dass das 3Sat-Kabarett-Festival im September stattfinden wird.
Umso mehr freut er sich deshalb, dass er erstmals die Beleuchtung beim Theatersommer in Netzeband übernehmen wird – der erste Job seit März. Die Proben beginnen in der kommenden Woche. Die Premiere von "Bluthochzeit", das poetisch-dramatische Stück von Federico Garcia Lorca, ist für den 1. August geplant. Am 30. August folgt das Märchen "Aschenbrödel" als Theaterspektakel für die ganze Familie. Schletter erklärt, dass die Spielrichtung geändert wird, damit der Abstand zwischen den Zuschauern gewahrt werden kann. Sitzen sonst die Gäste unterhalb der Kirche, werden sie im Sommer im Gutspark platziert, wo sie den Schauspielern auf dem Kirchhügel zusehen können.

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