Zeitreisen können gefährlich sein. Das ist spätestens seit H. G. Wells mehrfach verfilmtem Roman „Die Zeitmaschine“ bekannt. Wer möchte schon mit monströsen Morlocks Bekanntschaft schließen? Nein, es geht zeitreisend auch weit angenehmer. Vor allem, wenn das Ziel bekannt und beliebt ist.
In die Neunziger ließen sich am Samstagabend 850 Frauen und Männer entführen. Ganz ohne Zeitmaschine. Es war lediglich ein wenig Fantasie nötig. Für authentische Musik war bei der ausverkauften Neunziger-Party auf dem Freigelände vor dem Hangar 312 auf dem früheren Flugplatz der Sowjets in Neuruppin gesorgt.

DJ Tommy und Ralf Kemmerling

Hangar-Betreiber Christian Juhre kennt die Wünsche seines Publikums: „Wir machen zwar heute die erste Neunziger-Party. Doch die Neunziger sind zurzeit sehr angesagt. Überhaupt gehen Mottopartys sehr gut. Wir hatten auch schon die Zwanziger und Russendiskos mit Wladimir Kaminer sowieso.“ Mit DJ Tommy und Ralf Kemmerling, damals Mitbetreiber der Granseer Flashlight-Disco, habe er zwei ausgemachte Kenner der Materie für diesen Abend gewinnen können. Beide hätten in den 1990er-Jahren mehrmals pro Woche aufgelegt und seien noch immer sehr beliebt und bekannt.

Dance, Disco und Eurodance

Kemmerling ist gerade damit beschäftigt, den Ablaufplan durchzugehen. Ja, na klar, die Neunziger. Damals sei er auch im Gasthaus Steffen in Kagar der Haus-DJ gewesen. Und DJ Tommy legte im Club 019 im Neuruppiner Neubau auf. Vor allem Dance, Disco und Eurodance würden sie heute spielen, so lange das Publikum Lust hat.
Es ist Viertel nach Sieben. Aus den Lautsprechern tönt Madonnas „Like A Virgin“. Das Lied stammt genau genommen von 1984, lief aber auch in den Neunzigern noch sehr gut. Es stehen erst höchstens 150 Besucher an den über das Areal verteilten Tischen. Die Tanzfläche ist leer. Das ist normal so, weiß Juhre. Viele kämen erst gegen 21 Uhr, manche noch später.

Dauergäste beim Hangar 312

An einem der Tische stehen der 31-jährige Thomas Stengel und sein 38-jähriger Kumpel Enrico Kempfer. Beide sind Neuruppiner. Stengel lobt: „Die Titel der Neunziger, das sind Erinnerungen an die Kindheit. Sachen, die man noch verstehen kann.“ Kempfer pflichtet ihm bei: „Die Sachen von heute kannste doch gar nicht mehr hören.“ Sie seien bei den Konzerten und Mottopartys beim Hangar 312 praktisch schon Dauergäste. Zuletzt hörten sie vor zwei Wochen  deutschen Country mit Tom Astor. In einer Woche werden sie wieder hier sein zur Abba-Tribute-Show.
An einem anderen Tisch steht Olga, die ursprünglich aus Kasachstan kommt, aber in Neuruppin lebt. Sie hat vier Freundinnen mitgebracht. „Damals waren wir noch jugendlich“, sagt Olga. Es seien schöne Erinnerungen, die durch die Musik wieder ins Gedächtnis gerufen würden. Schon bei vielen Hangar-Mottopartys sei sie gewesen. Immer habe es ihr gefallen. Nicht ganz so toll sei diesmal, dass es keine Bänke zum Hinsetzen gibt. Aber dies sei nur ein kleiner Kritikpunkt.

Gäste auch aus Potsdam und Berlin

Anja und Ulrike aus der Prignitz waren auch schon mehrfach bei Neuruppiner Flugplatz-Mottopartys. Die Neunziger haben die Mittzwanzigerinnen nur als Kleinkinder erlebt. Doch die Musik sei einfach faszinierend, freuen sie sich. Aus den Boxen tönt Madonnas „La Isla Bonita“. Es ist 19.45 Uhr. Draußen vor dem Gelände stehen inzwischen sehr viel mehr Autos als vor einer Dreiviertelstunde. Laut Kennzeichen kommen sie unter anderem aus Oberhavel und dem Barnim, aber auch aus Potsdam und Berlin.
Es bilden sich draußen kleine Gruppen. Man kennt sich und redet miteinander, ehe es gemeinsam aufs Gelände geht. Ein paar Männer haben grellbunte Sommerhemden an, wie sie damals Mode waren. Zwei Mädchen tragen breitkrempige Hüte zu kurzen Shirts und halblangen Röcken. 15 Grad. Später werden auch sie wohl Jacken, vielleicht auch Regenschirme brauchen. Doch das sollte der guten Stimmung keinen Abbruch tun.