Mehr als 10 000 Seiten über die Historie der Fontane-Stadt und ihrer Umgebung hat Pusch über die Jahre redigiert, zusammengetragen oder verfasst. Es wurden 5 000 Anzeigen akquiriert, unzählige Fotos gesichtet. Pusch, der am Dienstag 63 Jahre alt geworden ist, wollte die Fleißarbeit schon öfter beenden. Zuletzt hatte ihn Dr. Helmut Behrendt vom Tempelgarten e.V. überzeugt, es nicht zu tun. "Die 25, die schafft ihr auch noch", soll er gesagt haben. "25 ist eine tolle Zahl", so Pusch. "Ich würde mich sonst irgendwann wiederholen. Man muss auch einen Punkt machen können. Ich will selbstbestimmt aufhören." Mit dem letzten Band sollen alle Kalender noch einmal eine gemeinsame Funktionalität erhalten. Er wird ein Register aller Autoren, Personen, Orte und Sachbegriffe auch der früheren Ausgaben enthalten.
Wie fing alles an? Die Faszination für Regionalgeschichte wird bei Pusch schon früh geweckt - "von der Heimatkundelehrerin Ilse Schöpfel", erzählt er. "Die fragte uns im Jahr 1964 beim Stadtrundgang in Höhe der August-Bebel-Straße 22, ,Na, was seht ihr?' Natürlich sahen wir nichts." Dort fand sich abgebröckeltes Granitpflaster. Genau an der Stelle hatten die Nazis in der Reichskristallnacht 1938 die Habseligkeiten einer jüdischen Familie verbrannt. "Sie sprach dieses in der DDR unbeliebte Thema an, lange bevor die Stolpersteine erfunden wurden. Das war mal lebendiger Unterricht."
Jahre später, 1983, kam in der DDR die preußische Geschichte wieder ein Mode. Die Achse Russland-Preußen in den Befreiungskriegen um 1813 wurde neu belebt, das Reiterstandbild Friedrichs des Großen Unter den Linden in Berlin aufgestellt. Pusch arbeitete damals wie viele beim VEB Elektro-Physikalische Werkstätten (EPW). "Die SED-Kreisleitung sagte damals, ,Die Regionalgeschichte muss gefördert werden.' Der EPW musste dafür 17 Interessierte gewinnen'", erinnert er sich. "Da hab' ich mich für gemeldet, bevor ich irgendetwas anderes Unsinniges machen muss." Im Endeffekt ging es darum, Mitglieder für die Gesellschaft für Heimatgeschichte beim Kulturbund der DDR zu gewinnen. Beim Treffen im Heimatmuseum traf er auch Ilse Schöpfel wieder, oder Leute wie Lisa Riedel, die damalige Chefin des Museums. Doch die Gruppe kam nicht zum Zuge. "Bis dahin war es reines Hobby", so Pusch.
Die DDR fällt, und mit ihr die EPW. "Mir war klar, ich gehe in die Selbstständigkeit. Ich hatte keine Lust, in der Beschäftigungsgesellschaft zu versauern." Im Februar 1990 meldet er sein Gewerbe an, am 2. Juli, am Montag nach der Währungsunion, nimmt er seinen Betrieb auf. Pusch kennt die alten Ruppiner Kreiskalender von seiner Oma aus den Jahren von 1910 bis 1933. Zu DDR-Zeiten gab es so etwas nicht.
Pusch will 1991 einen Kalender mit Branchenverzeichnis herausgeben, das erste Buch, dass nach der Wende im Kreis erschien. "Ich hatte sogar einen PC", sagt er lächelnd. "Alles war neu. Die Post hat viel länger gebraucht, bis sie ein aktuelles Telefonbuch für die Region herausgab." In dem rosa Buch sind Zeichnungen und Bauernregeln, "ein paar erste schüchtern eingestreute redaktionelle Beiträge", so Pusch, dazu die ersten Anzeigen von Unternehmen. So finanzierte er sich. "Bis 1989 waren Anzeigen für Firmen nicht möglich", erzählt Pusch. Eine Anzeige kostete 25 D-Mark, nicht wenig damals. Die erste geschaltet und bezahlt hat der Laden Musik-Hauff. Viele der Firmen aus der ersten Ausgabe gibt es heute nicht mehr.
Die frühen Exemplare werden bei Kreistagssitzungen und im Einzelhandel verkauft. Firmen bekommen Belegexemplare. Die Dinger gehen weg wie warme Semmeln. Kosten: fünf Mark. Dann droht die Kreisgebietsreform. Pusch will nach Gransee und Kyritz expandieren. Doch dazu kommt es nicht. Am 5. Dezember 1993 erscheint der erste Kalender für den neuen Kreis Ostprignitz-Ruppin. Er enthielt Artikel, von Hand gezeichnete Stadtpläne, 300 Anzeigen und war in Farbe. "Freunde aus dem Westen erzählten mir, ,Deine Anzeigen sind zu billig!' Ich wollte aber so viele Leute mitnehmen wie möglich."
Den Namen "Kreiskalender" verwendet er ab 1996. Jede Ausgabe hat seitdem ein eigenes Thema. Erster Höhepunkt wird zur Jahrtausendwende ein Nachschlagewerk zum Kreis von A bis Z. "Die Bücher sollten Nachhaltigkeit besitzen", so Pusch. Er führt den Verlag gemeinsam mit seiner Frau Ursula Kerfin-Pusch. Als täglich Brot erstellen sie Druckerzeugnisse. "Zu beginn gab es eine echte Blütezeit. Es fehlte einfach an Flyern, Werbematerialien. Das Internet war noch nicht da." Vom Kalender allein könnten die Puschs aber nicht leben. Trotzdem widmen sie ihm jedes Jahr mindestens sechs Monate.
Als nächste Zahl stand 2006 im Raum, da wurde 750 Jahre Neuruppin gefeiert. So lange musste man durchhalten. Mittlerweile, so gibt Pusch zu, werden die Leser des Kalenders immer älter, so wie er selbst. "Für jede einzelne Seite muss ich drei Termine machen oder Probleme lösen." Firmen sitzt das Geld für Anzeigen ebenfalls nicht mehr so locker.
Der 25. Band, an dem Pusch gerade sitzt, wird nun ein Heimatlesebuch mit Sagen, Anekdoten, Abzählversen, Sitten und Gebräuchen. Vor allem wird er sich mit der der Schule im früheren Alten Gymnasium befassen. Laut seinen Quellen hat Neuruppin eine der ältesten Schulen in Brandenburg. 1365, nächstes Jahr also vor 650 Jahren, fand sich der erste Eintrag der Neuruppiner Lateinschule.
Ob Peter Pusch überhaupt mit Geschichte aufhören kann, wird sich zeigen. "Es ist ein bisschen schade, dass es sich auflöst", sagt er. "Ich habe ein riesiges Archiv. Wer weiß, was es in Zukunft gibt. Ein E-Book vielleicht."