Klosterbucht am Lindower Wutzsee. 6.50 Uhr. Es ist hell, obwohl die Sonne noch nicht am Horizont aufgeht. Sie ist jedoch schon rechts vom hoch gelegenen Uferwald an der Sportschule zu erahnen. Ihr Licht taucht bereits die wenigen Wolken in ein Orange. Es herrscht schon mehr Bewegung auf dem westlichsten Bogen des Uferweges. Eine Joggerin mit weißen Ohrstöpsel setzt Fuß nach Fuß auf das Pflaster. Ihr Blick ist stur nach unten gerichtet. Meiner geht nach oben. Aus zwei trockenen Stümpfen eines Baumes dröhnt ein rhythmisches Klopfen. Zu sehen ist der Buntspecht nicht. Erst als kleine Stücke gelöster Rinde aus zehn Metern herabfallen, ist der Klopfer zu entdecken.
Die ersten Strahlen der inzwischen roten Sonne durchdringen die Baumkronen vor der Sportschule. Keine Minute später ist ihr Licht so grell, dass die Konturen am Horizont fürs Auge aufweichen. Es ist 7.04 Uhr. Fred Lück schwingt seine Angel vom zehn Meter entfernten Steg aus kräftig durch. Seine Pose fliegt. Erst dittscht es, dann klackt es. Er legt den Bügel über die Rolle. Der Wutzsee gleicht einem Spiegel. Für die leichte Unruhe auf der Oberfläche sorgen unzählige Enten, die sich einen feuchten Kehricht um die Sehne an der Pose kümmern und ihr angstfrei sehr nahe kommen.

Einen Kilometer freie Sicht

„Guten Morgen“, brubbelt ein Radfahrer um 7.09 Uhr, der einen Hänger angekoppelt hat und schwerfällig in die Pedalen tritt. Aus Richtung Mühle kommt er, in Richtung Kloster will er. „Guten Morgen“, ruft auch Ilse Schröder zwei Minuten später. Sie kommt im Bademantel von ihrem Grundstück, quert den Uferweg und lehnt sich mit beiden Händen an die Bank, von der aus ein herrlicher Blick über mehr als einen Kilometer möglich ist. „Sie kommen gleich“, sagt die Rentnerin. Gemeint sind ihre drei Freundinnen, mit denen die 80-Jährige jeden Morgen Baden geht. Und wirklich. Kaum hat sie die sechs Meter zwischen Zaun und Bank schurrend in Badelatschen hinter sich gelassen, schon verrät ein Gespräch unter Radfahrerinnen, dass sich Bekannte nähern.
Es ist 7.14 Uhr, als das Trio seine Räder abgestellt hat und sich zu Ilse Schröder gesellt. Keine Begrüßungszeremonie. Kein Aufwärmen. Kein Zögern, es geht sofort in den See. „Etwa 20 Minuten“, wirft mir Sigrid Techel entgegen, als sie nach der Verweildauer im 19-Grad-kalten Wasser gefragt wird. Die vier Frauen splitten sich nach 100 Metern, zwei zieht es nach rechts, mehr zur Mitte der Bucht, zwei nach links, mehr zum Ufer. Ihr Abstand beträgt circa 20 Meter, als ein Schwan aus dem Ufergürtel auf- und Kurs auf das linke Paar nimmt. „Nicht ungefährlich ist das“, erklärt Frau Techel. „Gestern war das fast wie ein Krieg“, ergänzt Birgitt Schulz. „Der Schwan hat offenbar eine neue Partnerin und tyrannisiert die anderen Tiere. Er will der Chef sein.“ Der Kurs des Klosterbucht-Chefs geht vorbei an den vier Frauen, zielstrebig weiter zu den weitaus kleinen Vögeln vor der Mühle, bei denen er sich wie Goliath aufführen kann.

Es riecht nach Modder

Es ist 7.33 Uhr. Das rechte Schwimmpaar nähert sich seinem Einstiegspunkt. Es wartet in seichtem Wasser auf die anderen beiden. Immerhin soll noch ein gemeinsames Foto entstehen. Nur die Schultern und Köpfe ragen aus dem Wutzsee, die Beine stehen ein wenig im Schlamm. Es riecht modrig hier, werfen die vier Frauen mir zu. Inzwischen steht Wolfgang Franke neben der Bank und auch mir und schwenkt sein Handy langsam im Querformat über den Horizont. Auch er wohnt am Westufer des Gewässers und blickt tagtäglich aufs Paradies. Heute hat er es jedoch etwas eilig. Es geht in den Kurzurlaub. Vor ihm und seiner Frau Karin liegen ein paar hundert Kilometer – in ein anderes Paradies im Zentrum Deutschlands.
Es ist 7.41 Uhr. Die vier Frauen sind umgezogen, eingeschlagen in Pullover, die schwarzen Badeanzüge tropfen. Platz nehmen will keine. Sie strahlen vor Glück. Wieder einmal zum Frühaufstehen überwunden? „Nein, nein“, widerspricht Birgitt mit zwei T. „Ich bin den ganzen Tag nicht zu gebrauchen, wenn ich den Tag nicht so beginne.“ Sie arbeitet in der Salusklinik vor den Toren der Stadt und versucht, in den Sommermonaten sogar ein zweites oder gar drittes Baden in ihren Alltag zu integrieren. „Andere duschen – ich schwimme im See, ist doch klar, wenn man ihn vor der Tür hat.“

Treff seit mehr als zwei Jahren

Seit mehr als zwei Jahren treffen sich Birgitt Schulz, Sigrid Techel, Ilse Schröder und Heidi Strecker beinahe täglich an der Klosterbucht. Zusammen kommt das Quartett auf 274 Jahre. Als „Wutzseeschwalben“ haben sie ihre WhatsApp-Gruppe benannt, mit der sie Treffen auch außerhalb des Rituals verabreden. Mal ein Essen beim Italiener, mal ein Eis auf dem Marktplatz. Bloß nicht in Starre verfallen, könnte ihr Motto lauten. Zumba, Linedance, Wassergymnastik, Gymnastik im Sportverein, Radfahren, Pilze suchen und finden – die Vielfalt jeder einzelnen ist grenzenlos. Sie eint allerdings das Schwimmen am Morgen. Am 4.4. geht es los, weiß Birgitt Schulz. Bis etwa 9.11. dauert die Saison. Inzwischen beschäftigen sich die Wutzseeschwalben mit der Idee, auch im Winter wenigstens kurz abzutauchen „in unserem See“, wie Heidi Strecker es darlegt. „Das machen so einige Lindower, dass sie das ganze Jahr über diese Tradition pflegen.“

Schnupfenfrei durchs Jahr

Schnupfen und Husten sind seitdem Fremdwörter für die vier Frauen. „Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Moment“, so Birgitt Schulz, „wenn wir uns wohl ab November morgens nicht mehr treffen.“ Sie schwört auf das Abhärten der anderen Art. „Raus aus dem Bett, rein in den See“, beschreibt sie ihr Motto. „Am Nachmittag muss man sich erst überwinden, morgens ist das ganz anders, es fällt mir viel leichter.“ Allerdings ärgern sich die vier auch, wenn sie die Unvernunft anderer sehen, die abends auf der Bank am westlichsten Bogen des Gewässers sitzen, Kippen fallen und ihre Flaschen liegen lassen. Das passt partout nicht zum Paradies, zumal ja ein Mülleimer bereit steht. Der ist sogar geleert.