Fast 24 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die rostigen Dornengitter immer noch gefährlich. Die angespitzten Eisenstäbe ratschen schon bei leichter Berührung die Haut auf. Das ist auch Grabungshelfer Jonas Hohenadel passiert, als er am Mittwoch die Nagelmatten auf dem früheren Todesstreifen freilegen wollte.
Sein Chef, der Archäologe Torsten Dressler, hat die Relikte der Berliner Mauer entdeckt, als das Naturschutzgebiet in diesem Sommer renaturiert wurde. Die Gitter, die mehr als zwei Meter lang und mindestens einen Meter breit sind, stecken immer noch senkrecht in sumpfigen Gräben des Naturschutzgebietes zwischen Berlin, Glienicke und Schildow. Sie sollten Flüchtlinge beim Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden, aufhalten. Die Gitter sind mit Baumwurzeln und Schilf verwachsen, teilweise auch tief im Morast versunken.
Anfang der 80er-Jahre bot sich Flüchtlingen als erstes Hindernis die Hinterlandmauer, die den Grenzstreifen zur DDR hin abschloss. Danach musste ein Signalzaun überstiegen werden, dessen Berührung die in den Beobachtungstürmen stationierten Grenzsoldaten alarmierte. Am Fuß dieses Zauns waren häufig Dornenmatten mit nach oben weisenden Stahlnägeln ausgelegt, die den Flüchtling entweder verletzen oder abschrecken sollten, wird in der Gedenkstätte Berliner Mauer erklärt. Offiziell hießen sie "Flächensperren", die Grenzer nannten sie "Spargelbeet", im Westen wurden sie "Stalin-Rasen" genannt. In der Gedenkstätte hat Dressler auch Fotos gesehen, die Flüchtlinge mit schwersten Verletzungen zeigen. Die Füße sind nach dem Sprung von der Mauer quasi durchlöchert worden. Später wurden im innerstädtischen Bereich die Matratzen beseitigt. Die perfide Methode, Flüchtlinge ohne Rücksicht auf deren Gesundheit zu stoppen, hatte Menschenrechtler auf den Plan gerufen. Deshalb wurden sie von den Grenztruppen in gut einsehbaren Bereichen nicht mehr ausgelegt. In schwer zugänglichen Arealen fanden sie aber weiterhin heimlich Verwendung. "Da hat sie keiner gesehen", erklärt Dressler, der von sehr seltenen Funden spricht. Ähnliche Fluchthindernisse sind auch im Bereich des früheren Grenzturms in Bergfelde entdeckt worden. Ein Gitter hat die Deutsche Waldjugend, der heute der Turm gehört, ausgestellt.
Die Grenzverletzer-Matratzen werden am heutigen Donnerstag von Mitarbeitern des Glienicker Bauhofs geborgen und in einem Lager deponiert, bis entschieden ist, wo die Eisengitter öffentlich gezeigt werden können. Bis Mittwoch waren die Mitarbeiter von Torsten Dressler damit beschäftigt, die Funde für das Brandenburger Landesamt für Denkmalschutz zu katalogisieren und zu dokumentieren.
Dressler, der vor zwei Jahren in der Glienicker Ottostraße auch schon einen Fluchttunnel freigelegt hat, hofft, mit seiner Arbeit die "brutale Realität an der Berliner Mauer" dokumentieren zu können. Er möchte gerne seine Funde auf dem ehemaligen Todesstreifen ausstellen. Vorstellbar sei zum Beispiel, dies in der Nähe eines Aussichtsturms auf den Eichwerder Moorwiesen, der zurzeit im Gespräch ist, zu tun. "An authentischem Ort kann das Grenzsystem besser verstanden werden", ist Dressler überzeugt.