Blumen, Blumen und nochmals Blumen. Viola Knerndel fehlen die Worte. Wirklich? Nein. Das ist nicht ihre Natur. Sie macht ihren Mund auf, spricht ohne Schnickschnack, ohne Angst vor den Folgen, immer schon, immer noch. Wer will ihr auch was? Ihr geht es um die Sache. Falsch, ihr geht es um die Menschen: Denen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Arbeitslose, Hungrige, ohne Dach über dem Kopf, Ängstliche, Verzweifelte, Gestrandete und Aussortierte.

Jetzt muss sie sich um sich selbst kümmern

22 Jahre war sie beim Arbeitslosenservice Horizont in Oranienburg. Elf Jahre lang hatte sie den Hut auf, war die „Chefin von’s Ganze“. Kümmerte sich um die Tafel, die Nähstube, die Wärme- und Versorgungsstube, die Fundgrube. Beriet in Notlagen, kämpfte sich durch das Gesetzesdickicht für Langzeitarbeitslose. Oft fand sie Lösungen, zumindest Hilfe, und vermittelte Ansprechpartner. Jetzt muss sie sich um sich selbst kümmern. Die Gesundheit.

Rosinen für die Amseln

Am Mittwoch war Schluss. Feierabend für immer, und das für jemanden, der keine Uhr kannte. So richtig vorstellbar ist das nicht, auch nicht für ihr Arbeitsumfeld. Doch das Herz spielt nicht mehr mit. „Das habe ich mir anders vorgestellt“, sagt Viola Knerndel, und meint damit nicht nur den plötzlichen Abschied. Mitte August war sie beim Arzt, dicke Beine. Das gefiel dem Mediziner nicht. Er schickte sie zur Kardiologie. Dort wurde sie sofort aus dem Rennen genommen. Tabletten, Ruhe, Stress vermeiden, ab in den Garten, Eichhörnchen beobachten und die Amseln mit Rosinen füttern. Fortan hatte ihr Mann ein wachsames Auge auf sie, schirmte sie ab, zumindest die meiste Zeit.

Enttäuschung ist da

Als es hieß, dass sie am 24. September wieder in ihrem Büro in der Strelitzer Straße ist, atmeten alle auf. Mitarbeiter, Ehrenamtliche und ihre Kunden, die auf einen guten Rat von ihr hofften. Doch die Chefin kam nur, um ihr Minibüro von unter zehn Quadratmetern aufzuräumen. „Es muss ja weiterlaufen“, sagt die 63-Jährige. Doch zufrieden ist Viola Knerndel nicht. „Es tut mir leid, so viele enttäuschen zu müssen. Aber es geht nicht mehr.“

Nachfolge ungeklärt

Es fällt ihr schwer, Absagen erteilen zu müssen, zumal sie nicht weiß, wie es ohne sie weitergeht. Die Nachfolge ist noch ungelöst. Völlig unbefriedigend sei das für sie und alle um sie herum. Der Vorstand der Ortsgruppe Oranienburg des Arbeitslosenverbands ist komplett zurückgetreten. Ohne Führung, keine Lösung. „Eigentlich sollte die Stelle intern besetzt werden“, sagt am Mittwoch Gabriela Manthei, Bereichsleiterin Nord vom Arbeitslosenservice. Jetzt wird die Stelle ausgeschrieben. Wie erfolgreich das sein wird, ist unklar. Erst einmal wird es keine Sozialberatungen in Oranienburg mehr geben. Gabriela Manthei ist nur ab und zu in Oranienburg und kümmert sich um die laufenden Geschäfte, wie Abrechnungen und Abläufe. Sie kennt den Standort gut. Sie war die Vorgängerin von Viola Knerndel.

Verwaltungschefs bedanken sich

„Das habe ich mir anders vorgestellt“, sagt Viola Knerndel am Tag ihres Abschieds immer wieder. Viele ihrer Weggefährten ebenso. Oberhavels Verwaltungs- und Behördenchefs, mit denen sie den kurzen Dienstweg pflegte, kamen Mittwoch persönlich. Sie wissen, was sie an ihr hatten. Eine verlässliche Partnerin in der Sache und den Menschen. Nicht immer bequem, aber immer ehrlich. Eine Kämpferin, die jetzt für sich kämpfen muss. Zum ersten Mal nach 22 Jahren.