Herr Drecoll, was passiert zurzeit in den Gedenkstätten?
Axel Drecoll: Unsere Einrichtungen sind für Besucher komplett geschlossen. Etwa 85 Prozent der Kolleginnen und Kollegen arbeiten im Home Office. Wir haben den Betrieb für die Heimarbeit innerhalb von zwei Tagen umgestellt. Anfragen von Wissenschaftlern und Angehörigen werden online bearbeitet. Pädagogen entwickeln neue Formate. Es bleibt Zeit, liegengebliebene Arbeiten zu erledigen. Wir erfassen zum Beispiel Nachlässe. Dabei helfen die Kollegen aus dem geschlossenen Besucherinformationszentrum im Archiv mit.
Die Guides der Gedenkstätten sind überwiegend freiberuflich tätig. Sie haben jetzt keine Arbeit mehr.
Die selbständigen Kolleginnen und Kollegen befinden sich in einer Notsituation, das nehmen wir sehr ernst. Denn es sind ja auch alle andere Gedenkstätten und Museen in Berlin und Brandenburg geschlossen. Deshalb müssen wir uns solidarisch verhalten. Wir zahlen Ausfallhonorare für ausgefallene Führungen bis Ende April. Außerdem haben unsere festangestellten Kolleginnen und Kollegen  Spenden gesammelt. Unsere eigene Haushaltssituation ist im Moment sehr unübersichtlich, auch wegen Einnahmeausfällen, aber wir werben um Unterstützung. Dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur ist das Problem bewusst.
Mit Blick auf den 75. Jahrestag, der in diesem Monat mit vielen Überlebenden begangen werden sollte, kam die Corona-Krise zum ungünstigsten Zeitpunkt.
April, Mai und Juni sind auch die Monate mit den meisten Führungen und pädagogischen Formaten in den Gedenkstätten. Von daher ist der Zeitpunkt wirklich ungünstig. Dass wir die Feierlichkeiten zum Jahrestag absagen mussten, hat uns tief enttäuscht. Für viele Überlebende, die aus aller Herren Länder zu uns kommen wollten, ist der Tag der Befreiung sehr wichtig – um zu feiern und zu erinnern. Auch das umfangreiche Programm mit vielen Kooperationspartnern musste abgesagt werden. Aber die Absage war vollkommen alternativlos.
Werden Sie denn den Jahrestag so wie für dieses Jahr im kommenden Jahr nachholen können?
Das wünschen wir uns, aber sicher wird es die eine oder andere  Veränderung geben. Viele Teilnehmer wollen aber auch 2021 dabei sein. Bund und Land wollen uns dabei unterstützen.
Schwierig wird es sicherlich für viele Überlebende, die hochbetagt sind, überhaupt schon für nächstes Jahr zu planen.
Das ist ein besonders schmerzlicher Aspekt, denn wir wissen nicht, wer im nächsten Jahr noch die weite Reise antreten kann. Wir haben uns sehr auf die Begegnungen gefreut. Die Gespräche mit Zeitzeugen sprechen ja auch ein großes Publikum an.
Zum Erinnern an die NS-Verbrechen und an die Befreiung gehört ja auch immer ein Bezug zur Gegenwart.
Gerade den Überlebenden ist bei der Erinnerung dieser Bezug zur Gegenwart sehr wichtig. Sie tun das nicht primär wegen ihrer persönlichen Biografie, sondern damit wir Lehren aus der Geschichte für Gegenwart und Zukunft ziehen. Viele Familien sind bis heute von den NS-Verbrechen unmittelbar betroffen. Sieht man allein die 200 000 Inhaftierten von Sachsenhausen, von denen viele  nicht mehr nach Hause zurückkehrten: Sie hinterließen Kinder ohne Eltern und Eltern ohne Kinder. Das sind Tausende Familien. Zusammen mit den Toten anderer Konzentrationslager und den Opfern der weiteren NS-Verbrechen sind Millionen Familien bis heute betroffen, die NS-Verbrechen Teil ihrer persönlichen und familiären Biografien. Deshalb haben wir eine Verpflichtung zu erinnern und die Geschichte aufzuarbeiten. Und selbst zu der aktuellen Situation können wir aus  der Geschichte einen Bezug herstellen: Das Grundgesetz mit den darin verankerten Werten wie Solidarität, Respekt und Achtung baut ja auf den Erfahrungen mit der NS-Gewaltherrschaft auf.  Wie wichtig diese Werte gerade in Krisensituationen tatsächlich sind, zeigt sich jetzt.
Zur aktuellen Situation in der Gedenkstätte: Sie haben auf die besucherstarken Monate hingewiesen. In den vergangenen Jahren kamen jeweils mehr als 700 000 Menschen in die Gedenkstätte Sachsenhausen. Sie müssen mit einem starken Einbruch dieser Zahlen rechnen. Vielleicht sogar dauerhaft?
Noch lässt sich nicht sagen, ob wir am 16. Mai wieder öffnen können. Letztlich entscheiden wir das auch nicht selbst. Wir müssen aber mit einer deutlich geringeren Besucherzahl in diesem Jahr rechnen. Ob es mittelfristig weniger Besucher sein werden, weil es zu strukturellen Veränderungen im Tourismus kommt, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Ein längerfristiger Einbruch des Tourismus hätte aber auch für uns Auswirkungen.
Seit Längerem ist ein neues Besucherinformationszentrum für die Gedenkstätte Sachsenhausen  geplant, weil das bestehende Gebäude zu klein ist. Halten Sie an der Planung fest, auch wenn die Besucherzahlen zurückgehen?
Das Besucherinformationszentrum wurde für deutlich weniger Besucher gebaut. Auch bei einem Besucherrückgang wird ein größeres Gebäude  benötigt.
Bei der Zuwegung besteht vor allem seitens der Anlieger Ungeduld. Wo stehen Sie jetzt? Kommt die Neuplanung der Besucherführung voran? Könnte die Corona-Krise die Planungen verzögern?
Wir haben ein Architekturbüro mit der Aktualisierung der baulichen Planung beauftragt. Dazu gehören auch Büros und Seminarräume, die insbesondere für die Museumspädagogik wichtig sind. Neben dem Besucherinformationszentrum geht es auch um die Zuwegung. Beide Planungen sind fundamental für die Gedenkstätte und brauchen Vorlaufzeit. Da kann es keine schnellen Lösungen geben, das braucht wohl Jahre. Aber es wird nichts verschleppt, auch nicht im Kulturministerium.

50 Überlebende wollten kommen


30 Überlebende des Lagers Ravensbrück und 20 Überlebende des KZ Sachsenhausen hatten ihr Kommen zum 75. Jahrestag bereits zugesagt. Geplant waren Veranstaltungen in Ravensbrück, Sachsenhausen und in der Todesmarsch-Gedenkstätte Beelower Wald.

Biografien und Grußworte Überlebender, die zu den Feierlichkeiten vorgestellt und gesprochen werden sollten, werden ab 19. April online veröffentlicht auf www.stifung-bg.de

Abgesagt wurde auch die für den 4. Mai mit der niederländischen Botschaft geplante Gedenkveranstaltung für die niederländischen Inhaftierten des KZ Sachsenhausen. kd