Auftritte im Oranienwerk, als Trio "Ohne Zusätze" im Jazz-Bereich ausprobiert, Solo-Konzert im ehemaligen Rendezvous gegeben – die Zeit war durchaus glorreich und vielversprechend. Die Songtexte schrieb er selbst. "Ich hatte immer etwas zum Schreiben dabei, aussagekräftige Texte waren mir wichtig", erzählt der ehemalige Runge-Schüler, der nach der zehnten Klassen für das Abitur ans Mendheim-Oberstufenzentrum wechselte.
Das Texten für seine Musikerzeit sei sein Zugang zur Poesie gewesen. Die finale Inspiration für das Verfassen eigener Zeilen in der speziellen Gedichtform fand er in Spanien. Seit 2018 studiert Jannes Hansen Geschichte, Politik und Gesellschaft an der Universität Potsdam. Das Auslandssemester führte ihn im vorigen Jahr nach Castellon de la Plana.
In der fernen Stadt an der Mittelmeerküste lernte er sich selbst kennen. Die Distanz als Perspektivwechsel führte zur persönlichen Nähe. "Ich wollte raus aus meiner Komfortzone", sagt er. Sein Denken habe sich mit dem Alleinsein verändert, fernab der Heimat und der festen Strukturen seines deutschen Alltags. Keine Freunde, keine Familie, kein Geburtstag von Oma – neue Leute, eine andere Kultur, Herausforderungen. "Ich habe mich einfach hingesetzt und in das Notizbuch, das mir eine Freundin geschenkt hatte, geschrieben." Eindrücke, Gedanken, Fragmente. "Ich habe gemerkt, dass ich beim Schreiben von Gedichten meine Gefühle zu Ende denke. Das hat mir gut getan. Man kratzt nicht nur an der Oberfläche."
Entfachter Funken
Seinen Lyrik-Band hat er mit "Poesia – Das Feuer des Südens" überschrieben. "Klingt wie eine 80er-Jahre-Fernsehromanze, ich weiß", gibt Jannes Hansen selbstironisch zu. Die Beschreibung schlägt eine ähnliche Richtung ein, die leicht an ZDF-Schmonzetten denken lässt: "Poesia ist ein Funke, der sich in der Morgensonne entfacht, während der Mittagshitze auflodert und im Abendrot nie verglüht", heißt es dort.
Für Jannes Hansen ist das Feuer metaphorisch mit einer feurigen Art der Menschen gleichzusetzen, mit mediterranem Klima, farbintensiven Sonnenschauspielen am Meer. Gefühle, Sehnsucht, Philosophie, Gesellschaftskritik – er legt seine Gedankenwelt äußerst mutig offen, vom Alltäglichen (ein Gedicht heißt "Der Wäscheständer") bis zur großen Liebe. Und das in einem ehrlichen, "kantigen" Stil, wie er sagt. "Es klingt nicht nach Goethe." Er favorisiere eh Erich Fried.
Zwei Gedichte hat Jannes Hansen uns für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt:
(El fuego del sur)
Da wo Baumkronen wurzeln,
ein alter Mann Zigarrenrauch in den Wind bläst und nebenher in einem zerfledderten Buch blättert,
wo der Klang der Wellen das Herz einer Stadt füllt, wo zwischen dem Treiben der Bars, Wimpern klimpern und feine Damen sich in Kleidern zieren,
wo die Nacht das Leben streut,
wo die Menschen die Wärme
auf Haut und Zunge tragen,
da kann ich das Feuer des Südens erahnen.
Lang’ nicht mehr gesehen
und doch nur kurz gesprochen,
müssen sie schnell wieder gehen,
um nix anbrennen zu lassen.
Wer hat schon Zeit einen zu betrachten, wenn der Blick an Zielen klebt?
Wer hat schon Zeit zuzuhören,
wenn er nur das eigene Wort versteht?
Wer hat schon Zeit zu hinterfragen,
wenn er nur nach vorne lebt?
Wer hat schon Zeit noch abzuwarten,
wenn der Zeiger weiterdreht?
Ist es Angst zurückzufallen?
Ist es Trieb sich zu entfalten,
in Tüchtigkeit und Leistungsdruck, oder ist es eine Sucht, die sich durch die Arbeit nährt und in Ablenkung Sinn erfährt?
Habt ihr Angst euch zu begreifen?
Bis zum Grunde durchzusehen?
Die Zeit selbst, sie wird es zeigen,
denn für euch bleibt sie nie stehen.

128 Seiten mit Illustration der Mutter


Der Lyrikband mit 128 Seiten ist im Selbstverlag bei Books on Demand erschienen und kostet neun Euro. ISBN-13: 9783750430266

Die Illustrationen sind übrigens von seiner Mutter, der Künstlerin Elke Hansen. Sie stellte auch schon auf der ArtRoom in Oranienburg aus. Zog ihr Sohn inzwischen nach Potsdam, wohnen seine Eltern noch in Oranienburg.

Infos zum Autor gibt es unter www.janneshansen.de und auf Instagram @kuenstlersaite win