Nach Aktenlage hätte es ihn gar nicht geben dürfen. Bis zu seinem neunten Lebensjahr hatte Alexander Latotzky kein identitätsstiftendes Dokument. Geboren im April 1948 im sowjetischen Speziallager Bautzen, kam er mit drei Monaten nach Sachsenhausen. Nach Auflösung des Lagers wurde seine damals 25-jährige Mutter nicht entlassen, sondern in das DDR-Frauengefängnis Hoheneck verlegt. Sie war als angebliche Spionin zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Der Junge musste ins Kinderheim. Als er seine Mutter wiedersah, war sie eine Fremde für ihn, die er wie alle Erwachsenen lange mit "Sie" ansprach. Dabei wollte er nur eins: so schnell wie möglich ein normales Kind sein. Keine "versteckte Minderheit" mehr.
Bis 1997 waren die Erinnerungen an seine Kindheit verblasst. "Das war auch gut so", sagt der Berliner. Eine Einladung einer ehemaligen Lagerinsassin änderte alles. Bis dahin kannte Alexander Latotzky niemanden, der wie er nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einem sowjetischen Lager oder in einem DDR-Gefängnis geboren wurde. Inzwischen hat er über hundert Namen ausfindig gemacht. Jährlich trifft sich die Gruppe der Lagerkinder an einem anderen Ort, am vergangenen Wochenende in Sachsenhausen. "Wir sind keine unglücklichen Menschen geworden, aber wir versuchen, die Erinnerung an die Frauen wachzuhalten, die unter unmenschlichsten Bedingungen Kinder durchgebracht haben", erklärt Latotzky das Anliegen. "Die Überlebenden wünschen sich, dass die Hypothek auf ihrem Leben wahrgenommen und öffentlich anerkannt wird."
Mehr als 120 000 Deutsche waren zwischen 1945 bis 1950 in deutschen Lagern interniert. Rechtskräftig verurteilt waren die wenigsten. "Es ist heute unumstritten, ob die meisten unschuldig oder aus politischen Gründen inhaftiert waren", sagt Latotzky. Er hat die Ausstellung "Kindheit hinter Stacheldraht" zusammengestellt. Mehr als 40 000 Menschen überlebten die Speziallager nicht. Inzwischen wurden drei Viertel der ehemals zu Unrecht als Naziverbrecher verunglimpften Menschen rehabilitiert. Zu spät für Alexander Latotzkys Mutter. Sie starb 1967 mit 41 Jahren. Seinen ukrainischen Vater, der als Wachsoldat im Lager dienen musste, hat er erst 1999 wiedergetroffen.
Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, unterstützt die Forschungsarbeit zu Schicksalen ehemaliger Lagerkinder seit zwei Jahrzehnten. "Wir wussten damals nicht viel", sagt sie. "Die Dimension konnten wir uns nicht vorstellen." Sowjetische Akten waren anfangs nicht verfügbar, in Belegungslisten der Lager fehlten Hinweise auf die Kinder. Heute ist sicher: allein im Lager Sachsenhausen waren es über 40. Über einige Schicksale wird im vor 15 Jahren gedrehten Dokumentarfilm "Die Kinder von Sachsenhausen" berichtet. Felicitas Sawade, 1948 geboren, weiß einiges aus Erzählungen ihrer Mutter: "In meiner Familie wurde offen über das Thema gesprochen, außerhalb aber nicht. Die Entlassenen mussten eine Schweigeerklärung unterschrieben, es sollte alles geheim bleiben."
Die 95-jährige Elisabeth Neudeck ist aus Österreich nach Sachsenhausen gekommen. Als sie 1945 unter dem Vorwurf, Mitglied im BdM zu sein, verhaftet wurde, war sie im dritten Monat schwanger. Sohn Ekkhart kam 1946 im Lager zur Welt. "Ich erfuhr erst mit 55 Jahren, dass meine Mutter und ich unschuldig waren", sagt der Wiener. "Man verliert die Hoffnung nicht, eine Frau kann Schweres verkraften", sagt Elisabeth Neudeck. "Wir Frauen haben eisern zusammengehalten", fügt die 90-jährige Christa-Maria Kirchner hinzu, deren Tochter Barbara 1946 im Lager Sachsenhausen geboren wurde. Sie erzählt über gestreckte Schleimsuppe, Tauschgeschäfte, ewigen Hunger, aber auch Solidarität unter den Häftlingen.
Die Ausstellung "Kindheit hinter Stacheldraht" ist bis zum 31. Oktober 2014 im Museum "Sowjetisches Speziallager" in Sachsenhausen zu besichtigen.