Der Chefarzt kam ohne weißen Kittel, und auch das obligatorische Stethoskop um die Schultern fehlte. Dr. Thomas Sarnes, Chirurg der Oberhavel-Kliniken, trat ohne viel Gewese um seine Person am Mittwochabend in Oranienburg ganz in Zivil auf. Seiner Autorität tat das keinen Abbruch. Unaufgeregt und mit Unterhaltungswert brachte Sarnes dem Publikum in der Selbsthilfekontaktstelle (Sekis) das Thema Patientenverfügung nahe, warb geradezu "für dieses wichtige Papier". Er gab hilfreiche Hinweise und nahm vielen Anwesenden die Angst, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Am Ende sagte er: "Jetzt müssen Sie nur noch loslegen und schreiben." Viele, der rund 60 Zuhörer, die meisten jenseits der 55, nickten.
Zu Beginn seines rund 75-minütigen Vortrags war der Mediziner allerdings unzufrieden. "Eigentlich müssten hier die 20-jährigen Motorradfahrer sitzen, die Fahranfänger und Risikosportler." Die Patientenverfügung ist "kein Papier für alte Leute, es ist für alle wichtig", betonte Sarnes. Es ginge auch nicht ums Sterben, so der Chefarzt. Auch wenn viele Ältere das glauben würden und sich daher nicht damit befassten.
Mit einer Patientenverfügung werde der eigene Wille geäußert, wenn man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Das Papier regelt die medizinische Versorgung zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder Verkehrsunfall. "Sie setzen die Grenzen, was Sie wollen, und was Sie nicht wollen", sagte Thomas Sarnes. Für die Ärzte im Krankenhaus "ist der Wille des Kranken oberstes Gebot", betonte der Mediziner. Viele Patienten wollen nicht an Schläuchen und Maschinen hängen. Um das zu verhindern, seien klare Äußerungen wichtig. Aussagen wie: "Ich will human sterben", reichten nicht aus. Formulierungshilfen und Informationen biete das Bundesjustizministerium in einer Broschüre (siehe Kasten).
Mit einer Patientenverfügung habe der Kranke die Gewissheit und Sicherheit, dass ihr auch gefolgt wird, und auch der Arzt ist abgesichert, falls die Verwandten sich beklagen, es sei nicht genügend getan worden.
"Das Papier", so Sarnes müsse nicht von Notaren beglaubigt oder von Anwälten verfasst werden. Das mache "nur die Notare reich". Dann berichtete er noch kopfschüttelnd von dem Fall einer 30-seitigen Patientenverfügung, verfasst von einem Notar. "Damit können wir nichts anfangen." Auch der Hausarzt sei nicht die erste Adresse. So eine Beratung sei zeitintensiv, Zeit, die ein Arzt nicht habe. Sarnes rät, sich in Ruhe und im gesunden Zustand damit zu befassen. "Es geht darum, was Sie wollen und nicht die Erben."
Bei zweifelhaften, unklaren und alten Patientenverfügungen tritt in den Oberhavel-Kliniken bei Bedarf eine Ethik-Kommission zusammen, an der alle Chefärzte des Hauses beteiligt sind, sagte Sarnes. So werde der "vermutliche Patientenwille festgestellt". Eindeutig klar sei hingegen, dass Sterbehilfe verboten ist. "Eine Unterlassung bestimmter Maßnahmen ist aber möglich", sagte der Mediziner, zum Beispiel die Dialyse abzubrechen oder die künstliche Ernährung oder die Medikamentengabe. "Einfach ausschalten gibt es nicht. Wir haben ja auch eine Seele", machte Sarnes deutlich. Nach dem Vortrag zweifelte wohl niemand daran.