Collé und Pamperin werden heute gemeinsam mit Pressevertretern den Sperrkreis abfahren. Zwei Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg müssen entschärft werden. Auch das ist in Oranienburg Routine. Es ist die zweite große Bombenentschärfung dieses Jahres. Auf Gärten am Treidelweg liegen zwei 500-Kilo-Bomben amerikanischer Bauart. Sie sind ausgestattet mit intakten, chemischen Langzeitzündern. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg (KMBD) wird sich der beiden Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg annehmen. Gilbert Collé ist zuversichtlich. "Die Lagebesprechung verlief gut", sagt er und steigt in das Auto der Feuerwehr.
Bei den beiden Bomben handelt es sich um den 206. und207. Sprengkörper, die seit der Wende in Oranienburg beseitigt werden müssen. Auf der Fahrt in den Sperrkreis wirkt es, als würde man in eine andere Welt fahren. Während am Bahnhof Oranienburg noch Menschen umherlaufen, einkaufen oder eine Zigarette rauchen, herrscht hinter dem ersten Zaun der Sperrzone Totenstille. Es wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Allein die Blätter in den Bäumen schaukeln im Wind.
"Die Evakuierung der Betroffenen funktioniert in der Regeln sehr gut", sagt Collé. Die Oranienburger seien sehr kooperativ. Für viele ist es Routine geworden. Vom 1 000 Meter großen Sperrkreis, der um 8 Uhr in Kraft trat, sind 5 100 Personen betroffen. "Wir hatten aber auch schon andere Fälle", sagt Pamperin. Verlässt jemand das Sperrgebiet nicht, seien auch Bußgelder möglich. Das können bis zu 1 000 Euro sein.
Erster Halt. Jens Pamperin fährt zu einem Einfamilienhaus in der Dianastraße. Kollegen blicken über den Gartenzaun eines Grundstücks. "Die Jalousie hat sich bewegt", sagt einer. Doch es mache keiner auf. Pamperin wirft einen genauen Blick darauf und entdeckt einen Sonnensensor am Fenster, zeigt mit dem Finger drauf und sagt: "Das bewegt sich automatisch. Falscher Alarm."
Auch vor dem Bahnhof Lehnitz ist keine Menschenseele anzutreffen. Die Unterführung mit Graffiti bemalten Wänden hat heute etwas Apokalyptisches. Sonnenstrahlen scheinen von  den Bahnsteigen in den langen Gang. Hier sollte sich niemand aufhalten. Doch beim genauen Hinsehen entdeckt Pamperin plötzlich Leute. "Da sind wirklich welche", stellt er verblüfft fest.
Zwei Rucksackreisende sitzen auf der Bank und warten amGleis 2 auf die S-Bahn. Verwundert über den Mann in Uniform, blicken sie sich um. Der Bahnverkehr ist heute vollständig unterbrochen. Pamperin bleibt höflich und wechselt ins Englische. Die beiden Backpacker kommen aus Frankreich. Von den Bombenentschärfungen hätten sie nichts mitbekommen, beteuern sie noch immer verdutzt. Pamperin glaubt ihnen und lässt sie von Kameraden in sichere Gefilde bringen. 87 Kollegen sind heute im Einsatz und gehen von Tür zu Tür, auf Nummer sicher. Zweimal werden alle Türen und Fenster geprüft. Es wird geschaut, ob ein Fenster plötzlich geschlossen ist, was zuvor noch geöffnet war. Routine.
"Es kann hier wirklich gefährlich für Menschen werden", erklärt der Vize-Stadtwehrführer. Aber auch der KMBD könne keine Schaulustigen während der Entschärfung gebrauchen. Die beiden Bomben werden nacheinander entschärft. Zeichnet sich jedoch ab, dass dies nicht möglich ist, seien auch kontrollierte Sprengungen nicht auszuschließen, so Pamperin.
Für die Mitarbeiter des KMBD ist ihr Job Routine. Doch jede Bombe ist anders. Mal liegen sie im Wasser, mal unter Gebäuden oder Gehwegen.  Die Kabel müssen vom Wagen zu den Bomben gelegt werden. Nichts darf schiefgehen. Stets ist Vorsicht geboten. "Der Zünder wird zuerst gereinigt. Zwei Mitarbeiter des KMBD kümmern sich darum", erklärt Jens Pamperin. Ein Wasserstrahl, der mit Sand versetzt sei, werde auf Knopfdruck die Zünder mit Hochdruck abtrennen. "Zu diesem Zeitpunkt darf sich hier niemand mehr aufhalten. Bei der Bombenentschärfung brauchen die Kollegen absolute Ruhe. Eine Detonation wäre sehr gefährlich." 1 000 Kilogramm Sprengstoff würden dann in die Luft gehen.
Gegen 10.20 Uhr meldet Stadtsprecher Collé, dass sich keine Unbefugten mehr im Sperrkreis aufhalten. Jetzt sind die Sprengmeister dran. Die Arbeiten beginnen – mit Vorsicht und Routine.

Oranienburg wird Modellregion


Oranienburg wird ab1. August zur "Modellregion Kampfmittelbeseitigung" und der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) zu einer Sonderordnungsbehörde mit 13 zusätzlichen Stellen. André Müller wird der Chef.

Das Land  stockte den  Etat des KMBD deutlich auf. 2019 hat er 15,5 Millionen Euro und 2020 rund 16,6 Millionen Euro zur Verfügung. Damit will das Land eine Beschleunigung  bei der Bombensuche in Oranienburg, wo immer noch 262 Blindgänger vermutet werden, erreichen.

Der Bund gibt den Ländern für 2020 und 2021 bundesweit 28 Millionen Euro für die Kampfmittelsuche. Der Löwenanteil davon fließt ins Land Brandenburg. bren