Familie Ebel aus Beetz fühlt sich bestraft. Bestraft dafür, dass die Tochter eine Schule außerhalb des Landkreises Oberhavel besucht. Das hat finanzielle Belastungen zur Folge, „die wir nicht auf dem Schirm hatten, als es um die Entscheidung nach der neuen Schule ging“. Erst später habe man recherchiert: In Oberhavel wird bei Zuschüssen für die Schülerbeförderung unterschieden, ob Kinder aus der Region innerhalb oder außerhalb des Landkreises unterrichtet werden.
Die sich daraus ergebenden Probleme schilderte Familienvater Jan Ebel in einem Schreiben an alle Fraktionen des Kreistages – in dem er sich vor zwei Wochen zudem im Rahmen der Einwohnerfragestunde Gehör verschaffte.

Landrat Ludger Weskamp hofft auf Änderungen am Jahresende

Was folgte, waren deutliche Aussagen aus den Reihen der Parlamentarier. „Die Überarbeitung der Satzung ist längst überfällig, um Ungerechtigkeiten auszuräumen“, betonte unter anderem Katrin Gehring (CDU), die dem Bildungsausschuss vorsteht. Dort hätten die Diskussionen zu diesem Thema im Frühjahr begonnen. Zudem wurde eine Arbeitsgemeinschaft installiert, die bereits zwei Treffen hatte. „An alle Fraktionen gab es den Auftrag, sich die Satzung genau anzugucken und ihre Aspekte einzubringen. Wir liegen nicht weit auseinander und sind auf einem guten Weg.“
Landrat Ludger Weskamp merkte an, dass es das Ziel sei, bis zum Jahresende eine veränderte Satzung zu verabschieden. Einen wichtigen Impuls dafür habe Jan Ebel gegeben, bemerkte Uwe Münchow (FDP/Piraten).

„Neuruppin ist für uns sehr wichtig“

Zum Schuljahr 2018/19 wechselte die Tochter der Ebels auf eine weiterführende Schule in Neuruppin wechselt. „Wie auch meine Frau, bin ich in OPR aufgewachsen und dem Kreis damit sehr verbunden“, lautete einer der Begründungen des Beetzers, warum man sich für eine Schule in der Fontanestadt entschieden habe. „Diese Stadt ist für unsere Familie sehr wichtig. Da wohnen die Großeltern, unser Kind geht dort zur Musikschule und meine Frau hat in Neuruppin ihren Arbeitsplatz.“ Für die Schulwahl habe auch die Vereinbarkeit von Beruf und ehrenamtlichem Engagement gesprochen. Ebel ist stellvertretender Ortswehrführer der Freiwilligen Feuerwehr von Beetz. „Ich kann das Ehrenamt nicht wahrnehmen, wenn das Kind öfter gefahren werden muss.“
All das habe gegen Bildungseinrichtungen in Oberhavel gesprochen. „Wenn beide Eltern berufstätig sind, ist die Hilfe der Großeltern immer mal wiederunabdingbar.“ Diese nach Oranienburg, Hennigsdorf oder Velten fahren zu lassen, sei altersbedingt nicht darstellbar. Da die Entfernung von Beetz zu den genannten Städten in Oberhavel oder nach Neuruppin absolut identisch sei, „sprach aus unserer Sicht nichts gegen die Wahl von Neuruppin als Schulstandort“.

Familie Ebel hat eine Mehrbelastung von 430 Euro jährlich

Auf den Infoveranstaltungen der weiterführenden Schulen, die auch Familie Ebel am Ende der sechsten Klasse besuchte, sei betont worden, dass die Herkunft aus einem Nachbarlandkreis nicht ausschlaggebend für die Zu- oder Absage einer weiterführenden Schule ist. „Es gab auch keine Hinweise auf den Sachverhalt der Fahrkosten.“
Über diese Problematik und die damit verbundenen immensen Kosten sei man erst später gestolpert. Die Zahlen: „Im Vergleich zu anderen Familien, deren Kindern der Landkreis den Kauf einer subventionierten Schülerfahrkarte ermöglicht, zahlen wir nun statt 220 Euro pro Schuljahr eine Sechs-Waben-Schülerkarte für 650 Euro pro Schuljahr. An dieser Stelle fühlen wir uns diskriminiert.“ Zumal es auf Nachfrage von einer Mitarbeiterin des Landkreises die Antwort gegeben habe, „dass wir für unsere Entscheidung bestraft werden müssen“.

Jan Ebel spricht von einer Bestrafung

Wenngleich Landrat Ludger Weskamp bemerkt, dass es mit der teureren Fahrkarte andere Möglichkeiten geben würde, kann Jan Ebel nicht nachvollziehen, dass es für Kinder und Jugendliche, die innerhalb von Oberhavel unterwegs seien, Subventionen geben würde, für seine Tochter aber nicht. „Im Gegensatz dazu fahren alle Schüler innerhalb von Ostprignitz-Ruppin – wie auch in Berlin – kostenfrei.“ Azubis wiederum würden für 365 Euro pro Jahr den gesamten Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg durchfahren können.
„Wir fühlen uns ungerecht behandelt und verstehen diese Bestrafung nicht“, betont Jan Ebel. Sein Wunsch: Bei den Kosten für die Schülerbeförderung dürfe es keine Rolle spielen, wo Kinder oder Jugendliche, die in Oberhavel wohnen, beschult werden.

Uwe Münchow will vergleichbare Verhältnisse

Das sieht auch Uwe Münchow so. Schülerbeförderung müsse nicht kostenlos sein. „Wir müssen für die Kinder und Jugendlichen, die in Oberhavel wohnen, aber vergleichbare Verhältnisse schaffen.“ Es müsse etwas passieren, unterstreicht auch Elke Bär (Die Linke) und ist optimistisch. „Es ist Bewegung in der Schülersatzung.“ Ende September trifft sich die Arbeitsgemeinschaft erneut. „Wir haben uns enge Zeitvorgaben gegeben und schon einen Großteil der Ungerechtigkeiten im Bereich der Anspruchsberechtigten herausgenommen“, bemerkt Katrin Gehring. Nun gehe es um die Ausfinanzierung der Ticketform. „Wir sehen auch, dass das Wabensysstem ein System der Ungerechtigkeiten ist.“
Aussagen, die Jan Ebel gern hört. Nun hofft er, dass die Vorschläge umgesetzt werden, „um nicht nur uns aus dieser Situation zu holen“.

Täglich pendeln viele Schüler


Schülerinnen und Schüler aus Oberhavel, die in anderen Landkreisen oder kreisfreien Städten in Brandenburg beschult werden:

gesamt: 1.131

Allgemein bildende Schulen: 334

Berufliche Schulen: 797

Schülerinnen und Schüler aus Oberhavel, die in Berlin beschult werden:

Gesamt: 2.424

Allgemeinbildende Schulen: 918

Berufliche Schulen: 1.506

(Zahlen aus dem Schuljahr 2018/19)