Für den Einzelhandel ist die Coronakrise zum Überlebenskampf geworden. Betroffen sind vor allem Modegeschäfte, die nach der Winter- womöglich auch die Frühlingskollektion abschreiben können. Anders sieht das schon wieder bei den Fahrradhändlern aus. Die haben im ersten Corona-Krisenjahr mitunter bessere Geschäfte gemacht als zuvor und inzwischen Probleme, ausreichend Nachschub für die Zeit nach dem zweiten Lockdown bekommen.

Mehr Umsatz als im Vorjahr

Max Schleising betreibt das Fahrradcenter Hebestreit am Bötzower Platz in Oranienburg. Über mangelnde Arbeit konnte er sich im vergangenen Jahr trotz Lockdowns nicht beschweren. Der Umsatz hat auch gestimmt. „Unterm Strich war das Jahr sogar besser als andere“, berichtet er.

Boom durch Corona

Die ohnehin schon seit einigen Jahren boomende Fahrradbranche hat durch Corona einen zusätzlichen Schub gekommen. Fahrräder seien das neue Klopapier, witzelten Medien im Sommer, als sich auch die Regale bei großen Händlern zunehmend lichteten. Die Erfahrung hat auch Schleising gemacht. Im Frühjahr vergangenen Jahres musste er im ersten Corona-Lockdown wie alle anderen Geschäfte den Verkauf einstellen. Nur Reparaturen durfte er noch anbieten. „Als das vorbei war, gab es aber einen Ansturm“, berichtet der Oranienburger.

Fahrrad statt Bus und Bahn

Die Gründe dafür waren naheliegend. „Die Leute wollten raus, aber nicht mehr in den öffentlichen Nahverkehr steigen. Das Fahrrad wurde in vielen Orten zum Fortbewegungsmittel Nummer eins. Das hat in den Abverkauf immens in die Höhe getrieben“, sagt Schleising. Hinzu kam, dass das Fahrrad kontaktlosen Sport auf Abstand möglich macht. „Und großartig verreisen konnte auch niemand. Da blieb wiederum oft nur das Fahrrad, um mal raus zu kommen. Nicht wenige haben in der Situation beschlossen, sich mal was Neues zu gönnen oder festgestellt, dass ihre alten Räder auch nicht mehr die besten sind.“

Kunden kamen alle auf einmal

Für den Alleinunternehmer war der Ansturm eine Herausforderung. Im Frühjahr musste er lange auf die neuen Fahrräder warten. Ein Großteil der Ware kam erst, als die Kundschaft schon in der Tür stand. Doch die Fahrräder treffen bei den Händlern zerlegt ein. Sie werden vor Ort endmontiert. „Normalerweise verteilt sich der Verkauf über die Saison. Aber jetzt kamen alle auf einmal und wollten ein neues Fahrrad. Ich hatte gut zu tun.“

Nachfrage ist groß, Ersatzteile sind knapp

Eine Situation, die sich vorerst schon wieder erledigt hat. Seit Mitte Dezember darf auch Max Schleising keine Fahrräder verkaufen, nur reparieren. Seine Prognose für das neue Jahr ist trotzdem optimistisch – zumindest beim Blick auf die Nachfrage. „Der Verkauf wird vielleicht etwas zurückgehen, weil viele jetzt erst einmal versorgt sind. Aber die Nachfrage wird weiter groß sein.“
Allerdings werden Kunden nicht mehr zu jeder Zeit ihr Wunschfahrrad bekommen und eventuell warten müssen. „Es wurde alles verkauft. Die Hersteller kommen mit der Produktion kaum hinterher.“ Das gilt auch für Anbau- und Ersatzteile. Die aber wird Schleising in diesem Jahr mehr brauchen denn je. Denn nach dem Verkaufsboom könnte der Serviceboom kommen. „Alle sind jetzt eine Saison durchgestrampelt. Da werden die ersten Durchsichten und Reparaturen fällig.“