Sie sind die Akteure der ersten Stunde: Karl-Heinz Schröter als ehemaliger Landrat und Reinickendorfs einstiger Bezirksbürgermeister Detlef Dzembritzki (beide SPD). Auf der Festveranstaltung zu 30 Jahren Wiedervereinigung kamen beide ins Gespräch. Den Festakt in der Oranienburger Torhorst-Gesamtschule richtete der Landkreis für rund 60 geladene Gäste aus.

140 Todesopfer an der Berliner Mauer

Landrat Ludger Weskamp (SPD) zog in seinem Grußwort eine große Parallele: Die Erinnerung an das Corona-Jahr 2020 wird so lange nachhallen wie die Erinnerung an 1990. Oberhaveler hätten mit zur Wiedervereinigung beigetragen. „Ihnen sind wir auch heute noch, 30 Jahre später, zu tiefem Dank verpflichtet“, so Weskamp. Er sprach von der Aufgabe, einer „heranwachsenden Generation zu vermitteln, dass ein freies Zusammenleben in unserem Land eben keine Selbstverständlichkeit ist“.
Mit Rückblick auf die mindestens 140 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Mauer getötet wurden, sprach er zudem seinen Dank aus für die, die sich „schon lange vor dem Umsturz des politischen Systems in Widerstands- und Oppositionsgruppen organisiert und engagiert haben, die Repressionen ertrugen, die für die öffentliche Äußerung ihrer Meinung ins Gefängnis gingen oder die ihren Mut sogar mit dem Leben bezahlen mussten.“ In der DDR sei „furchtbares Unrecht“ geschehen.

SED-Gespräche und Soforthilfe aus Berlin

In einer Gesprächsrunde erinnerte Ex-Bezirksbürgermeister Dzembritzki an unkomplizierte Hilfe nach 1990. Im Gespräch mit SED-Funktionären in Velten offenbarte sich ein Problem: Wohin mit dem Abfall? „Wir sind mit unseren Müllfahrzeugen gekommen und haben alles entsorgt. Das war unkomplizierte Soforthilfe.“ Eine Rüge vom Rechnungshof, weil er mit Berliner Geld zudem Straßen in Brandenburg baute, war harmlos. Dzembritzki: „Sie haben gesagt, wir gucken, dass das Gesetz bei der nächsten Wiedervereinigung beachtet wird.“
Für Kommunalpolitiker sei diese Aufbruchszeit eine gute gewesen. „Sie hatten gewisse Freiheiten. Ich habe immer gesagt: Nutzt das, solange es kein richtiges Land gibt“, so Dzembritzki. „Wir haben damals einfach gemacht und nicht nach Dienstplan gehandelt.“

Hennigsdorf verlor 15.000 Arbeitsplätze

Die Freiheitsgrade bestätigte Karl-Heinz Schröter, damals Landrat vom Kreis Oranienburg. „Aber wir waren oft nicht mutig genug, sie zu nutzen.“ Hinderlich waren die diversen Rechtslagen: DDR-Recht, erster Staatsvertrag, Übergangsfrist, Brandenburger Recht. „Es kam immer etwas Neues dazu.“ Doch es lief. Dzembritzki besorgte einen pensionierten Kämmerer aus dem Westen, der durch Oberhavels Rathäuser zog und Tipps für eine gute Haushaltsführung gab.
Doch nicht alles war gut. In den 1990er-Jahren hat Hennigsdorf 15.000 Jobs eingebüßt. „Und die Eigentumsverhältnisse verhinderten, dass wir investieren konnten“, so Schröter. Blühende Landschaften ließen sich Zeit.
Auch die DDR-Produkte hatten es schwer. „Sie waren in den Läden nicht mehr gelistet. Deshalb mussten sie in Zelten verkauft werden, damit sie nicht vergammeln.“ Es seien „wilde Zeiten“ gewesen, sagte Schröter mehrfach. Zeiten für Gestalter und Macher.

660 Tonnen illegaler Abfall im Jahr

Der Festakt war ebenfalls Anlass, zwei Preise des Landkreises zu vergeben. Wie berichtet, ging der Alfred-Hundrieser-Umweltförderpreis in diesem Jahr an die Umweltkids aus Hohen Neuendorf sowie an den Müllsammler Pascal Dominikowski. Kreistagschef Wolfgang Krüger (CDU) lobte das Engagement. In Oberhavel fielen jährlich bis zu 660 Tonnen illegal abgelagerter Müll an. „Das kostet uns im Jahr 100.000 Euro“, so Krüger. „Sie halten Oberhavel sauber“, sagte er.

Ehrung für einen „epochalen Künstler“

Den Kulturpreis konnte Bildhauer Wieland Förster – Oranienburgs Bürgermeister Alexander Laesicke nannte ihn einen „epochalen Künstler“ – nicht persönlich entgegennehmen. Frau Angelika Förster und Tochter Eva Förster übernahmen diese Aufgabe. Förster feierte in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag. „Er schreibt noch Tagebuch“, berichtete Eva Förster. Mit seinem Rollator gehe er zwar nur die Miniwelt der Wohnung ab, aber in Gedanken reise er weit.