Vor ein paar Monaten führte der technische Leiter des Klärwerks Liebenwalde, Wolfhard Raasch, Bürger durch die Anlage. Als die Gruppe gerade am Rechen stand, der abfangen soll, was nicht ins Klärbecken gehört, fragte ein Bürger, was denn da eigentlich alles so landet. Raasch hatte durchaus unterhaltsame Anekdoten parat. Zum Beispiel die eines früheren Pfarrers, der vor Jahren eines Morgens im Klärwerk vorstellig wurde. Dem Kirchenmann war im Pfarrhaus beim Spülvorgang das Gebiss in die Toilette gefallen. Auch eine Golduhr sei schon aus dem Rechen des Klärwerks gefischt worden. Ein Klärwerksmitarbeiter ließ sie später, nachdem sich der rechtmäßige Inhaber nicht meldete, von einem Uhrmacher reinigen.
Geschichten von Dingen, die im Klo landen, obwohl sie dort nichts verloren haben, können auch andere Abwasserentsorger erzählen. "Im Grunde finden wir alles Mögliche in Pump- und Klärwerken, was sich herunter spülen lässt. Von der Puppe bis zum Stuhlbein haben wir schon alles aus dem Abwasser gefischt", berichtet Uwe Mietrasch von den Zehdenicker Stadtwerken. Wie es das Stuhlbein ins Abflussrohr schaffte, ist Mietrasch allerdings ein Rätsel.
Ein viel größeres Problem für die Entsorger ist aber feuchtes Toilettenpapier, das sich seit einigen Jahren offenbar wachsender Beliebtheit erfreut. Das Problem: Die aus Textilstoff bestehenden Feuchttücher lösen sich anders als normales Toilettenpapier gar nicht oder nur sehr langsam auf. Die Folge: Sie bleiben entweder in den Pumpwerken der Abwasserkanalisation oder spätestens in den Rechen der Klärwerke hängen. "Das ist ein kontinuierlich wachsendes Problem", sagt Stefan Natz von den Berliner Wasserbetrieben (BWB), die unter anderem die Klärwerke in Schönerlinde (Barnim) und Wansdorf (Havelland) betreiben, in dem ein Großteil der Abwässer aus dem Oberhaveler Süden landet. Der BWB-Sprecher sagt, dass gleich zwei Trends die Situation verschärfen würden. "Es werden nicht nur immer mehr Feuchttücher und andere Vliestextilien in der Toilette heruntergespült. Durch den zunehmenden Einsatz von Spartasten reduziert sich auch die Wassermenge in den Kanälen." Effekt: Die Textilstoffe lösen sich noch schwerer auf, bleiben an den Saugrohren der Pumpwerke hängen und bilden meterlange Zöpfe, "die so stark werden, wie der Oberschenkel eines Hochleistungssportlers", sagt Natz. Früher oder später geben die Pumpwerke ihren Geist auf. "Und das, obwohl sie zum Teil über die Leistung eines Formel-1Rennwagens verfügen." Das Problem lösen dürfen die Service-Mitarbeiter, die allein in Berlin im Schnitt jeden Tag sechs Mal in den Untergrund der Hauptstadt klettern müssen, um die Zöpfe von blockierten Pumpwerken zu lösen und zu entsorgen. "Das ist im wahrstenSinne des Wortes eine Scheiß-Arbeit", sagt BWB-Sprecher Stefan Natz.
Auf dem Land stellt sich die Lage kaum besser dar. Vier große Pumpwerke passiert das Zehdenicker Abwasser. Um zu verhindern, dass die Verzopfungen zu groß werden und Havarien auslösen, müssen Stadtwerke-Mitarbeiter inzwischen alle zwei Tage die Pumpwerke präventiv reinigen. "Früher war das nur alle zehn Tage nötig", sagt Geschäftsführer Uwe Mietrasch. Ein Aufwand, der ins Geld gehe. "Die Zeche zahlt am Ende der Gebührenzahler", erklärt der Leiter der Granseer Klärwerks, Stefan Isczek. "Wir müssen unsere Anlagen öfter warten. Das bedeutet einen höheren Personalauwand. Wenn sich Verzopfungen bilden, müssen die Pumpen mehr Leistungen bringen. Das bedeutet einen höheren Energiebedarf. Und Ersatzteile für beschädigte Maschinen sind oft auch nicht so schnell zu bekommen und eben auch teuer. Und der Müll, den wir aus den Pump- und Klärwerken holen, muss ja auch entsorgt werden", sagt Isczek. Da die kommunalen Abwasserzweckverbände kostenneutral zu arbeiten haben, führen die Mehrkosten im Zweifel auch zu höheren Gebühren.
Deshalb appellieren die Entsorger bei jeder sich bietenden Gelegenheit, die Bürger auf die Probleme hinzuweisen. "Nur Fäkalien und normales Toilettenpapier gehört in die Toilette. Sonst nichts", sagt Uwe Mietrasch, der auch aufs Toilettenpapier verzichten könnte. Die beste und "auch angenehmste Lösung" sei immer noch das "gute alte Bidet".
Die Berliner Wasserbetriebe suchen derweil über ihre Lobbyverbände immer wieder das Gespräch mit den Herstellern von Feuchttüchern. "Denn die Entsorgungshinweise auf den Verpackungen sind oft nicht eindeutig oder auch irreführen", sagt BWB-Sprecher Stefan Natz. Gesucht wird auch nach technischen Lösungen für die Probleme.
Das Fürstenberger Klärwerk setzt inzwischen vor dem Rechen im Klärwerk eine Maschine ein, die die ankommenden Textilien zerschneidet, bevor sie das Sieb erreichen. Damit werden zwar Verstopfungen vermieden. Im Klärbecken landen die unzersetzten Tücher dann trotzdem, eben nur kleiner. "Alle paar Jahre leeren wir die Becken", sagt Klärwerks-Leiter Ralf Lunkenheimer. "Wir holen dann jedes Mal tonnenweise Müll raus."