„Das Institut ist ein echtes Wendekind“, sagt dessen Gründer und Direktor Professor Dr. Dietmar Sturzbecher. Am 2. Oktober 1990, dem letzten Tag des Bestehens der DDR, ist das IFK in Potsdam ins Leben gerufen worden. In der Bundesrepublik, im soeben neu gegründeten Land Brandenburg, nahm es seine Arbeit auf - noch früher als die Potsdamer Universität, die erst im Juli 1991 aus der Taufe gehoben wurde.

Vierjährige beurteilen ihre Kita

Die erste Studie des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam (IFK) bezog sich auf Elternberatung im Trennungsfall. Heute steht das IFK in einem viel breiteren Spektrum von pädagogischen Forschungen, Lehre, Fortbildungen und Beratungen. Die Beschäftigen entwickeln kreative spielbasierte Verfahren, mit denen vierjährige Kinder die Qualität ihrer Kita beurteilen oder ihre familiäre Situation beschreiben können. Sie unternehmen Langzeitstudien zu Jugendlichen, analysieren Rechtsextremismus in der Gesellschaft, forschen zu Verkehrsunfällen, bilden Netzwerke für Kommunen.

Das Institut ist stetig gewachsen

Angefangen hat Dietmar Sturzbecher damals fast alleine. Inzwischen ist das Institut ein erheblicher Wirtschaftsfaktor in der Region. Das IFK wird von einem gemeinnützigen Förderverein getragen und von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet. Es ist in fünf Fachbereiche unterteilt und hat zwei Gesellschaften ausgegründet. Teams mit insgesamt 40 Beschäftigten an zwei Standorten verdienen mit Wissenschaft ihr tägliches Brot.

Zweigstelle im Vehlefanzer Elternhaus

Dietmar Sturzbecher, Professor für Familien-, Jugend- und Bildungssoziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, hat die Wissenschaft buchstäblich in die Dörfer getragen. Einer seiner Schreibtische steht in einer umgebauten Scheune seines Elternhauses in Vehlefanz, ein weiterer in der einstigen Postkutschenrelais-Station der alten Hamburger Poststraße in Staffelde, die zwischen 2009 und 2013 hergerichtet wurde.

Allgemeiner Aufbruch zum Ende der DDR

Unter dem Schrägdach des alten Staffelder Dorfkrugs erinnert sich Dietmar Sturzbecher an einem langen Teamtisch an die Anfänge des IFK, vor sich eine Festschrift zum 30. Geburtstag, neben sich eine große Leinwand, hinter sich auf einem Querbalken eine Reihe von Miniaturen von Pferden und Kutschen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat.
Der Werdegang des IFK ist untrennbar mit der Person seines Direktors verknüpft und war so wohl nur in der allgemeinen Aufbruchsstimmung möglich. Auflösung und Neubeginn betrafen in der Zeit der deutschen Wiedervereinigung die Strukturen des Wissenschaftsbetriebs ebenso wie alle anderen gesellschaftlichen und privaten Bereiche. Sturzbechers wissenschaftliche Bildung, dazu persönlicher Einsatz, Entschlossenheit, Neugier, Zufall sowie Hilfe von anderen bildeten eine glückliche Mischung und offenbar eine gute Grundlage für das Institut.

Vom Mathelehrer zum Kindergarten-Psychologen

Eine Konstante gab es auch: Vehlefanz. Im Elternhaus geboren, ist Dietmar Sturzbecher wirklich gebürtiger Vehlefanzer, und er wohnt dort bis heute. „Man muss eine Entscheidung im Leben treffen, wie mobil man sein will. Mein Platz ist in Vehlefanz, und es hat mich nie weggezogen“, sagt er lachend. „Wenn du im Großraum Berlin-Brandenburg deine Chancen nicht findest, dann nirgendwo, habe ich mir gedacht.“
An seine alte Schule war Dietmar Sturzbecher nach dem Mathe- und Physikstudium in Berlin 1978 als Diplom-Lehrer mit erweiterter Ausbildung in pädagogischer Psychologie zurückgekehrt. Daran, dass er sich einmal als Wissenschaftler selbstständig machen würde, dachte er damals noch nicht. „Mein Traumjob war es, Fachberater für Mathematik zu werden“, sagt er. Bis 1985 unterrichtete er in Vehlefanz, organisierte Mathe-Olympiaden und beriet als Dozent für Mathematikdidaktik am pädagogisch-psychologischen Zentrum für Lehrerfortbildung in Oranienburg Kolleginnen und Kollegen. So hätte es bleiben können, aber er entschied sich für eine Doktorarbeit. In seiner Dissertation im Fach Psychologie, die Ende 1988 fertig war, stand die Entwicklung von Vorschulkindern im Mittelpunkt. „In den 80er-Jahren setzte sich in der DDR die Auffassung durch, dass man Kinder fördern muss, damit sie soziale Wesen werden“, erläutert er. „Ich habe Spiele entwickelt, bei denen kleine Kinder im Kindergarten lernen, miteinander umzugehen, Situationen selbst miteinander auszuhandeln.“

Fördermittel vom neuen Familienministerium

Im turbulenten Jahr 1989 befand er sich an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften. „Die wurde 1990 aufgelöst, und es war schnell klar, dass es etwas Neues geben muss.“ Der Schwantener Pfarrer Joachim Kähler, einer der Mitbegründer der SPD-Vorgängerpartei SDP, habe ihm vom neu gegründeten Familienministerium berichtet, dass dort Forschungsanträge gestellt werden könnten, erinnert sich Sturzbecher.
Gesagt, getan, bewilligt. „Am 14. September 1990 hatte ich 80.000 DM für eine erste Studie zu Trennungskindern und den Aufbau von wissenschaftlichen Strukturen, aber noch nicht mal ein Konto für das Geld.“ Die abendliche Fahrt durch den Westteil Berlins auf der Suche nach einer Bank blieb ihm lebhaft im Gedächtnis. Das Konto bildete die Grundlage für das private Institut.

Kita als idealer Ort für Forschungen

„Ich bin damals vom Mathelehrer zum Kindergarten-Psychologen umgeschwenkt“, beschreibt es Sturzbecher, zu der Zeit 36 Jahre alt und Vater zweier drei- und zweijähriger Kinder. „In unserer Gründungsschrift steht ,Kindertagesbetreuung und Familienbildung‘. In der DDR waren alle Kinder im Kindergarten, insofern war das der ideale Ort für Familienbildung. Darunter verstand man in erster Linie, dass den Eltern im Sinne von Aufklärung etwas über die Entwicklung ihrer Kindern vermittelt werden sollte.“
Das IFK hatte mit zwei Mitarbeitern plus Chef seinen Sitz in Potsdam, auch in räumlicher Nähe zur ein gutes halbes Jahr später gegründeten Uni. Es ist aber ein Institut „an“, nicht „der“ Universität Potsdam, verweist Sturzbecher auf ein wichtiges Detail im Namen. Ein Kooperationsvertrag macht das IFK seit Dezember 1994 zu einem „An-Institut“ der Universität. Es finanziert sich jedoch ausschließlich über Aufträge von Landes- und Bundesinstitutionen sowie über Projekte mit Kommunen. Die Uni wurde mit den Jahren größer, es wurde eng. Deshalb dient das Haus am Vehlefanzer Botscheberg seit 1993 als Zweigstelle.

Gewalt und Extremismus wurden sichtbar

Auch das „angewandte“ im Namen ist mit Bedacht gewählt: „Wir arbeiten für die Praxis. Jedes Projekt wird angewendet. Das ist für uns nicht Forschung zweiter Klasse, sondern ein Glaubenssatz“, betont Sturzbecher. Forschungsergebnisse werden für die Fachpraxis wie die Fachpolitik aufbereitet, Fortbildungen, Workshops und Fachtagungen folgen daraus.
Schon im November 1990 weitete sich das Arbeitsfeld von Kita-Kindern auf die Jugendlichen aus. „Jugendprobleme, Gewalt und Extremismus waren plötzlich offen sichtbar und wurden wichtiger“, sagt Sturzbecher. „In der DDR wurde über solche Fälle nicht geredet.“ Die Staatskanzlei und das Bildungsministerium beauftragten das IFK mit einer Jugendstudie, um Ausmaß und Verbreitung rechtsextremer Einstellungen zu erfassen und Freizeitangebote zu analysieren. Das war der Auftakt zu der Zeitreihenstudie „Jugend in Brandenburg“. Diese hat das IFK im Abstand von einigen Jahren bisher achtmal durchgeführt. 3.000 bis 4.000 Jugendliche werden dabei jeweils zu ihren Werten, ihrer Familien- und Schulsituation, Freizeitverhalten und Gewaltbereitschaft befragt. Die Zeitreihenstudie mündete unter anderem in das Projekt „EKSE“ (Entwicklung kommunaler Strategien gegen Extremismus), das Kommunen Handlungsempfehlungen aufzeigt. Zudem wurden Maßnahmen zur Demokratieförderung an Schulen erarbeitet. „Die Studie wird jetzt mit einer Corona-Sonderstudie flankiert, die gerade in der vergangenen Woche begonnen hat“, so Sturzbecher.

Brandenburg führte die traurige Statistik der Verkehrstoten an

Mit einem weiteren traurigen Kapitel Brandenburger Realität bekam es das IFK Ende der 1990er-Jahre auf Anfrage des Verkehrsministeriums zu tun: Verkehrstote. Brandenburg führte die Statistik bei jungen, tödlich verunglückten Fahrern an. Das Institut analysierte Straßenverkehrsunfälle und nahm 36 Interviews mit schwerstverletzten jungen Fahrern sowie den Angehörigen von Unfalltoten auf. Im Ergebnis fand das „Verkehrsrisiko Mensch“ Eingang in den Fahrschulunterricht. Aus den Verkehrsunfällen entstanden Lernmittel für die Fahrschulen. Heute dient das Internetportal „Regio Protect“ der Gefahrenlehre, jeder Fahrlehrer kann wissen, welche Art Unfälle es in seinem Umfeld gegeben hat. In sieben Bundesländern sind die Materialien Bestandteil der Verkehrssicherheitsarbeit an Berufsschulen.

17 Bücher und über 300 weitere Publikationen

Längst ist das IFK in die Wissenschaftslandschaft des Landes integriert. Es ist stetig gewachsen und die Referenzliste namhafter Projekte ist lang, die der wissenschaftlichen Publikationen noch länger. Umbrüche und Veränderungen blieben in der 30-jährigen Geschichte aber nicht aus.
„Anfang 2000 sollten wir eine Sockelfinanzierung von Bund und Land bekommen. Vom Bund war das Geld da, vom Land aber nicht. Das war eine herbe Enttäuschung“, sagt Sturzbecher. Ein paar Jahre später traf das sogenannte Bund-Länder-Kooperationsverbot das IFK hart. „Wir hatten zusammen mit einem Göttinger Institut viele Jahre lang Schüler befragt und in zehn Bundesländern Fortbildungen für Lehrer angeboten.“ Doch Bildung fiel in die Kulturhoheit der Länder, und mit der Föderalismusreform 2006 zog sich der Bund aus direkten Finanzhilfen im Schulbereich zurück. „Das war ein tiefer Einschnitt, das Ende von etwas, an das man sich gewöhnt hatte“, sagt Sturzbecher. „Die Hälfte unseres Budgets stammte bis dahin aus Bund-Länder-Projekten.“

„Klinken putzen“ in den Kommunen

In dieser Situation nahm der IFK-Direktor einen Rat von damaligen Kreissozialdezernent Detlef Ziesel an: Er solle sich doch „vor der Haustür“ engagieren, also im Landkreis Oberhavel umtun, mit den Kommunen zusammenarbeiten, die Bürgermeister davon überzeugen, die Standards in den Kitas zu erhöhen, meinte Ziesel.
Das hieß „Klinken putzen“, so Sturzbecher. Aber das Klinkendrücken hatte Erfolg, neue Türen öffneten sich, eine neue Säule der Finanzierung wuchs heran. Inzwischen arbeitet das Institut mit vielen Kommunen im Land zusammen. Im kommunalen Netzwerk für Qualitätsmanagement in der Kinderbetreuung (KomNet Quaki) haben sich 17 Gemeinden und 150 Einrichtungen eingefunden, darunter auch Oranienburg, Hennigsdorf, Velten und Oberkrämer.

Verkehrsforschung breit angelegt

„Das Betätigungsfeld Straßenverkehrstote habe ich eigentlich gar nicht gewollt. Aber es ist der einzige Bereich, in dem wir international tätig waren“, sagt Sturzbecher. „Wir haben das türkische und das vietnamesische Verkehrsministerium beraten.“
Außerdem war es der Start des IFK in die Verkehrsforschung. Damit beschäftigen sich am Sitz in Staffelde inzwischen zwei ausgegründete eigene Gesellschaften: das Institut für Prävention und Verkehrssicherheit (IPV) mit Susann Mörl als Geschäftsführerin und 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie das Forschungs- und Innovationszentrum Mensch-Technik-Straßenverkehr (FIZ-MTS) mit der Psychologin Bianca Bredow an der Spitze und acht Beschäftigten.

Fünf Pferde gehören zum Institut

Darüber hinaus dienen in Staffelde fünf Pferdekräfte auf ihre Weise dem Verkehr in dem ländlichen Umfeld – deshalb auch die Miniaturen auf dem Dachbalken im Büro. „Das passt zu uns. Wir verdienen ja unser Geld mit Verkehrsinfrastruktur - und die Relaisstation war eine solche“, sagt Sturzbecher mit einiger Begeisterung. „Mit dauernd wechselnden Pferden dauerte die Fahrt nach Hamburg nur ein bis zwei Tage - das war eine revolutionierende Idee von Friedrich III.“ Die Pferde werden jetzt nicht mehr gewechselt, sondern sie bleiben da und ziehen bei passenden Anlässen in der Gemeinde eine stattliche Kutsche. Damit soll auch dem guten Einvernehmen im Ort ein wenig Rechnung getragen werden.

Hilfe von etablierten Forschern

Mehreren Förderern ist Dietmar Sturzbecher verbunden, und er blickt dankbar zurück. „Ich war doch ein No Name. In der älteren Generation der Wissenschaft in Westdeutschland und im Bildungsministerium war der Wunsch, Talenten in Ostdeutschland zu helfen, sehr groß, und ich habe gleich mehrere gefunden, die für mich gebürgt haben. Das hat mir sehr imponiert.“ Darunter sind der damalige Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, Prof. Dr. Wassilios Fthenakis, und Prof. Dr. Rolf Mitzner, der Gründungsrektor der Potsdamer Universität. Zum IFK-Förderverein zählen Wissenschaftler, Bürgermeister und viele Kommunalpolitiker.

Forschungsanlässe gibt es immer

Er sei selbst ein „Wendekind“, und habe Chancen optimal nutzen können, sagt Dietmar Sturzbecher über sich. Die Arbeit sei mit den Jahren im IFK nicht weniger geworden. Forschungsanlässe gebe es immer. Die Kindertagesbetreuung habe sich beispielsweise weiterentwickelt, und das Institut werde künftig an Bedeutung eher noch gewinnen, ist er zuversichtlich.
In drei Wochen wird Sturzbecher 67. „Fünf Jahre mach ich noch weiter“, hat er sich vorgenommen. Einen Nachfolger zu finden, werde sowieso nicht leicht. „Der müsste Professor sein und sich für das ganze Spektrum der pädagogischen Psychologie von Kindergärten bis Fachschulen interessieren. Und außerdem: Das hier ist heute mein Traumjob.“