Wie lebt es sich in einer Großfamilie auf dem Dorf? Noch dazu, wenn zwei Familien miteinander verschmelzen und der Alltag wie bei einem Uhrwerk Zahnrad um Zahnrad ineinandergreifen muss, um zu funktionieren? Familie Stege hat fünf Kinder, zwei Hunde, eine Katze. Sieben Kinder sogar, zählt man die erwachsenen Söhne, die nicht mehr zu Hause wohnen, mit. Wir haben mit der Familie über Patchwork-Leben, Glauben, Amazon Prime und das Geheimnis einer gesunden Partnerschaft trotz Familientrubel gesprochen.
In Dollgow leben keine 200 Menschen. Wohin der Blick auch schweift, er findet Felder und Wasser, Katzen auf der Straße, spielende Kinder. Noah will unbedingt aufs Trampolin im Garten. Immer wieder sucht er seine Mutter oder seinen großen Bruder Carl, um sie an der Hand Richtung Spielgerät zu ziehen.

Familienwunsch: wie die Brady Family

Doch Anne Stege hat den jüngsten Spross der Stege-Familie auf dem Arm: Fritz, von allen Fritzchen genannt. Er wird als Dorfkind aufwachsen. Wenn es ihm so geht, wie seinem Bruder Carl, wird er später einmal sagen: „Es ist schön hier. Ich habe alles.“ Sein anderer Bruder Malte will ebenfalls in Dollgow bleiben. Beide sind schon Mitglied im Heimatverein. Derweil macht Atze alle verrückt. Der Dackel ist ein Wirbelwind. Mit Besuchern kann er nicht viel anfangen, er kann sich schließlich kaum an den Postboten gewöhnen. Ein echtes Energiebündel.
Noahs Suche ist erfolgreich: Sein Bruder springt eine Runde mit ihm. Anne – im Haus wird das Du angeboten, auch Frank Stege wird später Du sagen – beschäftigt Fritzchen mit entspannter Leichtigkeit, fütter und wiegt ihn, sieht dabei immer wieder nach den Kindern im Garten. Sie hat Erfahrung. „Als Kind habe ich immer die ‚Brady Family‘ gesehen und wollte selbst sechs Kinder.“ Heute ist Anne 42 Jahre alt und hat fünf Kinder. Jette (19), Malte (17) und Carl (12) brachte sie mit in die Ehe, Noah (7) und Fritz (7 Monate) bekam sie mit Frank. Seit 2013 lebt die Patchwork-Familie zusammen. „Für die Kinder ist das normal, sie haben ein enges und tolles Verhältnis zu Frank.“

Freigeist und 20 Jahre Altersunterschied

Zu seinem 60. Geburtstag haben sie eine Studio-CD mit Glückwünschen und einem Lied aufgenommen. Franks Söhne aus der vorigen Ehe – 41 und 35 Jahre alt – waren mit dabei. Alle sprachen ihren Dank aus und erzählten, was sie an Frank schätzen. Carl hat für Noah übernommen. Noah kann nicht sprechen, er geht auf die Exin-Förderschule in Zehdenick. „Er ist der Freigeist der Familie“, sagt Frank. Die Party am See wurde mit einem Feuerwerk gekrönt. „Mir sind natürlich die Tränen gekommen“, erzählt Frank, der im September 62 Jahre alt wird, über die CD-Aufnahme der Kinder.
Anne brachte Jette, Karl und Malte (von links) aus einer früheren Beziehung mit in die Familie.
Anne brachte Jette, Karl und Malte (von links) aus einer früheren Beziehung mit in die Familie.
© Foto: privat
Als Anne und er zusammenkamen, gab es nicht wenig Gerede im Nordkreis von Oberhavel. Gerade in Gransee wurde sich das Maul etwas zerrissen. 20 Jahre Altersunterschied liegen zwischen ihnen. Gefunkt hatte es bei Treppenmüller in Altlüdersdorf. Er, der langjährige Amtsdirektor von Gransee, sie, die freie Journalistin. Das perfekte Futter für Klatsch und Tratsch. „Unsere Eltern und Geschwister haben sofort hinter uns gestanden, das war wichtig, alles andere nicht“, sagt Anne. Bis heute ist das so geblieben. Darauf komme es an: Die Familie steht an erster Stelle. „Wir können uns aufeinander verlassen.“
Ausschlaggebend für ein harmonisches Familienleben sei die gemeinsame Zeit. Am Wochenende sitzen alle am Frühstückstisch, reden und essen in Ruhe. Abends kommen zudem alle erneut kurz zusammen. „Wir besprechen, was los war, welche Termine anstehen“, sagt Anne. Kommunikation sei wichtig. „Wir stehen zusammen, auch in schwierigen Zeiten“, sagt Frank. Im Alltag unterstützen die Kinder sich gegenseitig, entlasten die Eltern. Jeder übernimmt Verantwortung. Wer bei Steges zu Gast ist, merkt, wie freundlich und gut erzogen die Kinder sind. Ein altbacken wirkendes Wort fällt ein: Manieren. „Wissen, was sich gehört“, sagt Frank dazu.
Das Leben als Großfamilie auf dem Dorf will gut organisiert sein. Vom Aufstehen um 5.45 Uhr bis zur letzten Abendbesprechung, wer wann wofür das Auto braucht. Milch vergessen und schnell mal zu Netto gehen? Funktioniert in Dollgow nicht. „Zweimal die Woche fahre ich zum Großeinkauf“, erzählt Anne. Die Preissteigerung bei Lebensmitteln und fast allen weiteren Produkten merkt sie. „Ich zahle rund 30 Euro mehr pro Einkauf.“ Der extra angeschaffte Diesel nütze bei den hohen Kosten aktuell ebenfalls wenig.
Das Los einer Mutter: Anne Stege fotografiert ihre kleine große Familie im Urlaub, ist selbst aber nicht zu sehen.
Das Los einer Mutter: Anne Stege fotografiert ihre kleine große Familie im Urlaub, ist selbst aber nicht zu sehen.
© Foto: privat
Doch die Familie nagt nicht am Hungertuch. Das wissen Eltern und Kinder. Nicht jeder Cent muss doppelt gewendet werden. „Uns geht es gut, wir können uns das noch leisten“, sagt Anne. In der Garage stehen zwei Autos. Mit fünf Kindern und zwei arbeitenden Elternteilen gebe es keine Alternative. „Ein Lastenfahrrad nützt uns da so wenig wie ein Bus, der alle zehn Minuten fährt“, sagt Anne. Nicht nur reiner Pragmatismus aus der Lebensrealität vom Land klingt durch, sondern auch eine politische Richtung, wenn Frank die Worte seiner Frau bekräftigt. Er ist in der CDU, Anne arbeitet im Wahlkreisbüro vom CDU-Bundestagsabgeordneten Uwe Feiler.
Frank Stege ist selbst auf dem Dorf aufgewachsen – mit zwei Schwestern in einem für Familie, Freunde und Bekannte jederzeit offenen Haus. Nach der Wende baute er neu in Dollgow. Was das Leben heute leichter macht: Digitalisierung. Für die Familie heißt das, die Kommunikation verläuft unkompliziert über Messenger-Dienste wie WhatsApp. „Das ist eine wirkliche Erleichterung.“ Ein weiterer Vorteil für die Organisation: Amazon Prime. Anne kann dort Abos abschließen für schwere Produkte wie Waschmittel. Sie spart die Schlepperei und Fahrerei. Der Stress reduziert sich, es bleibt mehr Zeit für die Kinder. „Fürs Dorf ist das Internet ein Segen“, ist Frank überzeugt. Dollgow scheint zumindest kein weißer Fleck auf der Landkarte zu sein.

Erziehung? Liebevoll, aber mit Regeln

Wie erzieht eine Patchwork-Familie? Anne sagt, liebevoll, aber mit Regeln. Frank versucht, kleinere Aufgaben zu verteilen, sodass jeder lernt, eigenständig und verantwortungsvoll zu sein. Zuverlässigkeit ist beiden wichtig. „Wir legen Wert auf Mülltrennung und dass Lebensmittel nicht unnötig weggeworfen werden“, sagt Anne.
Ihr Mann fügt an, dass selbst das abgenutzte Holzspielzeug der Kinder noch für den Ofen genutzt wird. „Im Wald sammeln wir jedes Mal sogar Müll auf. Dafür muss man kein Grüner sein“, so Frank. „Der Grundgedanke für Nachhaltigkeit kommt vom Land, aus der Bauernwirtschaft.“ Die Kinder tragen die guten Sachen der Geschwister auf. Fritzchen wird vielleicht einmal das Shirt anziehen, das Malte, Carl und Noah vor ihm anhatten.

Gott wird ins Familienleben integriert

Im Hause Stege spielt ein Punkt eine große Rolle: Glauben. In der Küche hängt ein Holzkreuz. Um Missionierung gehe es nicht, sagt Frank. „Es ist dieser Spirit, den du hast.“ Anne sagt, Gott werde ins Familienleben integriert. Unter anderem beim Tischgebet. Es gehe um christliche Werte, die vermittelt werden. Ähnlich ist es in der Ehe. Seit sechs Jahren ist das Paar standesamtlich, seit fünf kirchlich verheiratet. Neben der Betreuung und Erziehung der Kinder sei ein Leben als Liebespaar nicht so einfach. „Zwei Sachen sind wichtig“, sagt Frank, „Liebe und Wertschätzung“. Liebe allein reiche nicht. „In allen Situationen darf man nicht nur sich selbst sehen.“ Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und damit zur Empathie sei entscheidend.
Im Urlaub – vor allem in Bayern oder am Gardasee – kommt die Familie zusammen, und sich noch etwas näher.
Im Urlaub – vor allem in Bayern oder am Gardasee – kommt die Familie zusammen, und sich noch etwas näher.
© Foto: privat
Das Paar nimmt sich Auszeiten. In Form von einem Abendessen oder Urlaub. Ihre Eltern kümmern sich dann um die Kinder. Und es geht um Kompromisse. Anne sagt: „Wir wollen bald zu Roland Kaiser.“ Frank erwidert: „Du willst dahin.“ Am Ende werden beide einen entspannten Abend haben. Und sich auf dem Rückweg auf ihre Kinder Jette, Malte, Carl, Noah und Fritzchen freuen.
Bleibt eine Frage offen: Da die Brady Family sechs Kinder hatte, fehlt im Hause Stege nicht noch eins, vielleicht ein Mädchen? Die beiden müssen lachen. Anne jedoch etwas milder als Frank. „Aus dem Alter bin ich jetzt wohl raus“, sagt der 61-Jährige. Vielleicht geht der aufgedrehte Dackel namens Atze ja als sechstes Kind durch. Noah sucht derweil wieder jemanden, der mit ihm aufs Trampolin will, Anne bringt Fritzchen ins Bett, Frank macht sich ein Bier auf. Eine Großfamilie auf dem Land.
Wie können Familien in Brandenburg Gehör finden? Dazu starten wir auf moz.de eine große Umfrage zur Familienfreundlichkeit.
Hier können Sie bei unserem Familienkompass mitmachen und eine Reise an die Ostsee gewinnen. Alles rund um das Thema Familien in Brandenburg lesen Sie auf unserer Themenseite.