Naturschützer Marian Przybilla hat seinen privaten Fahnenbestand aufgestockt. Am Freitag ziert zu Ehren der Gäste die rote japanische Sonne neben den schwarz-rot-goldenen Streifen den Zaun hinter dem Naturschutzturm. Der Bergfelder hat die Oberschüler und ihre Begleiter von der Bushaltestelle abgeholt und ihnen das Gelände rund um den alten Grenzturm erklärt.
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Karen Tsuchiya, Sakino Onodera, Nae Kikuchi, Mao Suzuki, Eiki Satoh und Hiromu Nitadori sind 16 und 17 Jahre alt und stammen aus Morioka, Ichinoseki, Tono und Shiwa in der Präfektur Iwate. Auf Ankündigungen in ihren lokalen Zeitungen haben sich die Oberschüler um diese neuntägige Reise nach Deutschland beworben. Nun absolvieren sie in Berlin und Umgebung mit ihrem Betreuer Tada Kazuhiko sowie Brigitte und Dr. Frank Brose ein straffes Programm von Stadtrundgang, Gedenkstättenbesichtigungen, interkulturellem Training. Da ist Bäume pflanzen in Bergfelde quasi ein Klacks.
Freizeit? Die Jugendlichen lachen herzlich. Die Studentin Ami Kobayashi übersetzt: "Es ist schon Freizeit, wenn wir mal aus der Schule raus sind", sagt Eiki. Eindrücke von Berlin haben sie schon gewonnen. Dort gefalle ihm die Mischung von alten und neuen Gebäuden, sagt Hiromu. Deutschland und die Teilung sei für sie immer sehr weit weg gewesen, erklären die Jugendlichen. Künftig werden sie sich daran erinnern, wenn in der Schule vom Kalten Krieg die Rede ist. Auch vom Grenzstreifen und dem Turm, ebenso von den Schrecken, die die Mauer mit sich brachte, zeigten sie sich beeindruckt. "Wir haben 80 000 kleine Bäume gepflanzt", erklärt Marian Przybilla und deutet auf die grüne Umgebung. "Hier sehen wir sie." Aus besonderem Anlass gepflanzte Bäume sind es seit Freitag 118.
Die jungen Leute sind im Rahmen eines Projekts des Berliner Vereins Kizuna in Berlin. "Kizuna" bedeutet "Band der Freundschaft". Der Verein unterstützt die Wiederaufbauarbeit in dem Katastrophengebiet, das im März 2011 durch einen Tsunami und ein schweres Erdbeben sowie durch die Reaktorkatastrophe in Fukushima zerstört worden ist. Die Präfektur Iwate gehört zu den betroffenen Gebieten. Finanziert wird die Reise mithilfe der Robert-Bosch-Stiftung. Die Idee zu dem Besuch in Bergfelde hatte Brigitte Brose, die die Arbeit dort kannte.
Die vier Mädchen und zwei Jungen sind in Berlin einzeln bei Gastfamilien einquartiert, und werden zum Teil von ihren Gast- "Geschwistern" auch begleitet. Die haben die Anregung, einen der Besucher bei sich zu beherbergen, von ihrer Japanischlehrerin erhalten. "Bei mir hat es in diesem Jahr mit einem Austausch nach Tokio nicht geklappt. Da habe ich mir gedacht, so kommt die japanische Kultur eben zu mir", sagt Nina Liebe. Es ist überhaupt eine internationale Truppe, die sich da am Turm eingefunden hat. So gehört auch der Student Gabriel Innes dazu, der in Nepal geboren wurde, in Kanada und den USA aufgewachsen ist, Japanisch spricht und so den Jugendlichen manches über interkulturelles Zusammenleben beibringen kann.
Baumpflanzungen auf dem Berliner Mauerstreifen sind auch den Japanern durchaus nicht unbekannt - davon zeugen beispielsweise die Japanischen Kirschbäume, die nach der Wende auf dem alten Mauerstreifen zwischen Berlin-Lichterfelde und Teltow gepflanzt worden sind und inzwischen den Radlern dort Schatten spenden. Am Turm setzen die Jugendlichen eine Japanische Kirsche sowie einen Wildapfel in die Erde. Wenn sie mal wiederkommen, werden sie die Bäume 117 und 118 hoffentlich besuchen.
In zwei Punkten haben die jungen Japaner auf jeden Fall die Klischees erfüllt, die wir Europäer von ihnen haben: Sie sind sehr freundlich, und sie haben viel fotografiert.
Und: Sie wurden fotografiert.