Jack Day hat Schnupfen. Das lässt seine Stimme noch etwas trauriger klingen. Eigentlich freut er sich auf eine neue berufliche Herausforderung. Doch im Moment überwiegt die Wehmut. Zweimal wöchentlich probt er mit dem Ökumenischen Chor und dem Orchester Amicus Bachs Weihnachtsoratorium, das am 26. November ab 17 Uhr in der Nicolaikirche erklingen wird. Die enge Zusammenarbeit führt dem Kantor vor Augen, wie viele freundschaftliche Beziehungen in den vergangenen fünfeinhalb Jahren in Oranienburg entstanden sind.
"Der Abschied wird weh tun", sagt Jack Day. Und dabei habe er die Wehmut selbst zu verantworten. Der Musiker hat sich auf die vakante Kantorenstelle in Charlottenburg beworben. Die Luisenkirche ist reich mit Instrumenten ausgestattet, es gibt Orgeln, Klaviere, Cembalos und Schlagzeuge. Vor allem sei die Akustik der Kirche hervorragend. "Das ist ein Paradies für mich", sagt der 37-jährige Musiker, der aus Wolverhampton bei Birmingham stammt und in Manchester, London, Leipzig und Tübingen studierte. In der Nicolaikirche spielt er eine Orgel, die zu klein ist, um den Kirchenraum ausreichend mit Klang zu erfüllen.
Die Arbeit in Oranienburg verband Day deshalb auch mit einer Mission. Er brachte den Gemeindemitgliedern gute und schöne Kirchenmusik näher. Weil das mit der Orgel in der Nicolaikirche nicht möglich war, fuhr er regelmäßig mit einem Bus voller Kirchgänger nach Angermünde. Dort spielte er die Barockorgel von Joachim Wagner in der Marienkirche. So legte Day den Grundstein für den Orgelförderverein, der sich um ein neues Kircheninstrument bemüht.
Mehr als 20 000 Euro sind bislang zusammengekommen. Jeden Dienstag lädt Jack Day um 12.15 Uhr zu einem kleinen Konzert auf die Orgelempore ein und sammelt ein paar Euro Spenden, damit die Kirche irgendwann orgelmäßig nicht mehr Trabant fährt. Die Reihe führt er bis zum Jahresende fort, danach sitzen andere Organisten vor den Tasten, unter anderem sein Freund Florian Wilkes, katholischer Kirchemusiker der Berliner St. Hedwigskathedrale, der auch zu Gottesdiensten am Sonntag spielen wird, bis ein neuer Kantor gefunden ist. Die Gemeinde will den Posten bis zum Sommer neu besetzen.
Pfarrer Arndt Farack will nicht die Traurigkeit über den Abschied in den Vordergrund stellen. "Wir sind froh, dass wir Jack Day fünfeinhalb Jahre lang als Kantor in unserer Gemeinde hatten", sagt der Geistliche.
Wehmut herrscht nun vor allem im Ökumenischen Chor, den Day als Leiter zu Höchstleistungen antrieb und in dem er freundschaftliche Bande knüpfte. Das freut den Musiker auch persönlich. Überhaupt sind ihm die Gemeinde und die Stadt ans Herz gewachsen. Er spricht von sinnlichen Erlebnissen. Erst neulich habe parallel zu den Proben in der Kirche eine Veranstaltung mit Flüchtlingen in der Unterkirche stattgefunden. In der Küche wurde Falafel zubereitet. Diese Zusammenkunft der Kulturen sei doch eine tolle Erfahrung, sagt Day.
Oranienburg beschreibt Day als "hoffnungsvolle Stadt mit einem engagierten Bürgermeister". Auch musikalisch entwickle sich Oranienburg. Die Musikschulen böten viele Möglichkeiten. Mit der "Klangfarbe Orange" führt Jack Day am 27. November das letzte Kooperationskonzert durch. Ab 17 Uhr wird in der Nicolaikirche dann Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" zu hören sein.
Neben den Gottesdiensten bieten sich noch weitere Möglichkeiten, Jack Day vor seinem Abschied noch einmal in der Nicolaikirche zu hören. Am 6. Dezember spielt er ein letztes Mal mit der Schlagzeugerin Katharina von Radetzky. Am 20. Dezember wird er bei seinem letzten Dienstagskonzert von Charlotte Rackwitz begleitet. Beginn ist jeweils um 12.15 Uhr. Wenn am 31. Dezember ab 17 Uhr Oranienburgs 800-Jahr-Feier mit einem ökumenischen Stadtgottesdienst in der Nicolaikirche ihren Abschluss findet, wird Jack Day mit weiteren Musikern ebenfalls zu hören sein. Am 8. Januar ab 16 Uhr gibt es dann sein Abschiedskonzert - mit dem Ökumenischen Chor, dem Amicus-Orchester und dem Organisten Patrick Wildermuth. Auf dem Programm stehen unter anderem Bach und Händel. Superintendent Uwe Simon wird Jack Day dann offiziell aus dem Amt entlassen.
In der Charlottenburger Luisenkirche wird der Engländer beim Sonntagsgottesdienst am 15. Januar zum ersten Mal zu hören sein. Die offizielle Einsetzung als Kirchenmusiker erfolgt zwei Wochen später. Zusammen mit Daniel Trumbull wird Jack Day dann Bachs Konzert für zwei Cembali spielen. Die Orgel am neuen Wirkungsort wird ihn ebenfalls herausfordern, nicht nur musikalisch. Das Instrument von 1967 sei restaurierungsbedürftig, sagt Jack Day. Er wird bei aller Arbeit Oranienburg hoffentlich nicht allzu schnell vergessen. Ganz sympathisch spendet er seiner alten Gemeinde Trost: "Sie kriegen einen anderen."