Zum vielleicht vorerst letzten Abend war das Haus ausverkauft, und immer noch fragten Gäste nach einer Karte an der Abendkasse. Die rund 140 harten Stühle waren besetzt und sie blieben es bis beinahe Mitternacht.
Leidenschaftlicher Dichter
Nach der kurzen Affäre im Sommer 1906 verliebt sich Franz Kafka leidenschaftlich in eine Prostituierte, dann in Hedwig Weiler, einer jungen Wienerin, die er 1907 in der Sommerfrische auf Norderney kennenlernt. Schließlich entflammt der 29-Jährige 1912 kurz und heftig für die 16-jährige Tochter des Hausmeisters im Weimarer Goethehaus, das er mit seinem Freund Max Brod im Rahmen einer Bildungsreise besucht.
Dieser leidenschaftliche Kafka, der in Przemek Schrecks Vortrag lebendig wurde, stand in starkem Kontrast zu den Auszügen aus Kafkas Briefen, die von Markus Riexinger mit kühler Stimme und scharfer Betonung vorgelesen wurden. Da war die Rede von "ganzen Kavallerieregimentern", die über den Leib der Prostituierten Juliane "Hansi" Szokoll schon hinweggezogen seien. Und Hedwig Weiler wird als "hässlich mit viel zu großen Zähnen" beschrieben. Die letzte Äußerung löste im Publikum, das auf seinen Stühlen Bilder der Frauen gefunden hatte, Widerspruch aus.
Zu wahren Lachanfällen dagegen kam es, als Riexinger einen Brief an Felice Bauer aus dem Jahr 1913 vorlas. Dieser enthält neben dem Heiratsantrag, den Kafka der Berliner Stenotypistin macht, gleich eine nicht enden wollende Aufzählung von Gründen, die gegen diese Ehe sprechen. Nur in ihrer Korrespondenz sind Kafka und Felice einander wirklich vertraut, in den ersten sieben Monaten ihrer Beziehung wechseln sie 250 Briefe. Bei seiner Verlobung in Berlin aber fühlt sich Kafka, wie Markus Riexinger aus dem Tagebuch vorlas, "gebunden wie ein Verbrecher, mit Ketten in einen Winkel gesetzt". Das bedrückende Schwanken Verlobung-Entlobung-Verlobung und die endgültige Trennung nach fünf Jahren im Dezember 1917 dauerte bis zur Pause gegen 22 Uhr an.
Kleine Ausstellung
Jetzt konnten sich die Gäste entweder unter dem frei hängenden Kronleuchter im Schlosshof die Beine vertreten, etwas zu sich nehmen oder die kleine Ausstellung im Nebenraum bewundern. Przemek Schreck zeigte ein Daumenkino der Carl-Lindström AG, auf dem Felice Bauer die Wirkungsweise des Parlographen demonstriert. Roland Templin, der zwei dieser damals modernsten Diktiergeräte aus den Jahren 1910 bis 1912 ausstellte, zog eine Verbindung zu Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie": "So wie die Worte auf das Wachs der Walze geritzt werden, wird das Urteil auf die Haut des Häftlings geritzt."
Nach der Pause wurde der dritten Verlobten Franz Kafkas gedacht. Dann und mit besonderer Wärme erzählte Schreck von der Beziehung zur tschechischen Autorin Milena Jesenká, der Frau, die vielleicht als Einzige Kafka künstlerisch gewachsen ist, und die ihn nicht ändern will. Doch auch diese Beziehung besteht vor allem in den Briefen der beiden und endet in einem Missklang.
Die letzte Frau Kafkas ist Dora Diamant. Sie ist die Einzige, mit der er zusammenlebt. Aber es ist die Zeit der Inflation, und die Wohnung in Steglitz ist kaum zu bezahlen. Kafkas Tuberkulose verschlimmert sich. Mit dem Bericht über die Miniaturbriefe, mit denen der todkranke Schriftsteller im Namen der verlorengegangenen Puppe ein kleines Mädchen tröstet, endete der Abend.
Vielleicht war es doch nicht der letzte Kafka-Abend im Schloss. Die neue Schloss-Eigentümerin habe laut Przemek Schreck durchaus Interesse bekundet, ihn 2020 mit seinem Programm auftreten zu lassen.

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