Das reichte Urs Jaeggi aber noch nicht. Der Künstler, der Birkenwerder und Hohen Neuendorf, dem Verein "Kulturpark" und dem Skulpturen-Boulevard seit dem vergangenen Jahr verbunden ist, hat sich an den alten Maschinen im ehemaligen Wasserwerk auch künstlerisch zu schaffen gemacht. Ein wenig nur. "Am liebsten hätte ich sie noch mehr bemalt", verrät er mit einem Lächeln. Das sei dann aber doch zu verspielt. "Sie wirken ja für sich." Wenige Details hat er mit kräftigen Farben verändert, einen roten Strich auf ein Holzbrett gezogen, einen Metallverschluss blau bemalt, zerbrochene Steine mit roten Linien versehen. Sie rücken dem Betrachter dadurch in den Blick und lenken die Aufmerksamkeit spielerisch auf das Ganze. "Ich fand es gerade wichtig, die Maschinen aus alter Zeit für heute sichtbar zu machen."
Dazu hat er eine Ausstellung mit eigenen Bildern und Collagen gesellt. Die Figuren, die er mit dickem schwarzen Filzstift aufs Papier gebracht hat, ähneln in ihrer Dynamik denjenigen an seinem Wandgemälde draußen auf dem Boulevard.
Christian Schneegass vom Förderverein "Kulturpark Birkenwerder" schätzt sich glücklich, dass er den Künstler erneut gewinnen konnte. Drei Tage lang hat er Jaeggi bei seinen Entdeckungen im Wasserwerk beobachtet und zugesehen, wie dieser sich der einzigartigen Raum aneignete und ihn poetisch veränderte. "So dicht kann man selten einem Künstler auf der Spur sein und Zeuge einer solchen Entstehung werden."
Die Lust auf die Kunst hat ihn schon mit vier Jahren gepackt, erzählt der 89-jährige gebürtige Schweizer. "Doch ich war Linkshänder. In der Schule wurde mir das regelrecht rausgeprügelt. Da habe ich dann erst einmal mehr geschrieben."
Davon zeugen unter anderem seine Gedichte. Bis in die 1990er-Jahre Professor für Soziologie, hat Urs Jaeggi inzwischen Malerei und bildende Kunst längst für sich wiederentdeckt, aber darüber die Lyrik nicht vernachlässigt. Deutlich fließen gesellschaftskritische Ansätze in seine Bilder wie seine Texte ein. Der Zustand der Welt, ob Hunger oder Herausforderungen wie Flüchtlingsschicksale lassen ihn weder los noch kalt. "Wir sind. Warum, fragen wir uns am besten selbst", formuliert er es in einem der Gedichte, die er am Freitag vor einem ausgewählten Publikum vorträgt.
Es sind nachdenkliche Zeilen, bevorzugt einfache Worte und oft still, aber im Kern doch kämpferisch. "Wenn man an die Hungernden, die Schutzlosen denkt – weitermachen!" Zu den Versen entlockt Frank Gratkowski seinem Saxofon sehr passende bizarre, expressionistische Klänge. Kaum Melodie, schreit, leidet und seufzt das Instrument, verebbt mitunter fast bis zur Sprach- zur Tonlosigkeit.
Der Förderverein will das Wasserwerk, die Kulturpumpe, regelmäßig mit kulturellem Leben erfüllen und hat zunächst zwei öffentliche Veranstaltungen geplant. Die Gruppe, die sich am Freitag im Wasserwerk aufhalten durfte, war coronabedingt überschaubar, und so wird es wohl noch eine Weile bleiben. "Uns kann keine Pandemie aufhalten", sagt Christian Schneegass dennoch entschlossen. "Mit Urs Jaeggi haben wir sehr viel Schwung im Rücken." Der Auftakt ist jedenfalls gelungen.
Die poetische Raumverwandlung soll am Sonntag, 13. September, zum Tag des offenen Denkmals öffentlich zu sehen sein und auch am Europäischen Tag der Restaurierung am Sonntag, 11. Oktober. An beiden Tagen treten die verschiedenen Künste dann in Dialog. Um 11 Uhr beginnt die Veranstaltung mit Gedichten von Urs Jaeggi und Frank Gratkowski am Saxofon sowie Antonio Borghine am Bass.

Dauerhaftgeschützt

Urs Jaeggis Wandgemälde soll jetzt mit einem permanenten Anti-Graffiti-Schutz vor etwaigen Schmierereien geschützt werden. Bernd Tank hat die Flüssigkeit "Protect 95" entwickelt, die er am Freitag an einem Eckchen des Kunstwerks vorführte. "Ich bin ganz stolz, dass ich ein Kunstwerk damit schützen kann", sagte der Unternehmer.

Die Wand, auf die Urs Jaeggi vor genau einem Jahr das großformatige Gemälde gemalt hat, wurde von der Hohen Neuendorfer Firma Geißler vorbereitet, die auch gelegentlich einmal nachweißt. hw