Bauer als Marketingprofi
"Für den Großhandel brauchen wir nicht produzieren, da hast du als kleiner und mittlerer Betrieb keine Chance", sagte Ronald Koch. Seit mehr als 300 Jahren ist seine Familie in der Landwirtschaft aktiv. Er bewirtschaftet ebenso viele Hektar Land, hat 200 Rinder, drescht zwischen 600 und 1 000 Tonnen konventionelles Getreide im Jahr. "Bio-Getreide wirst du nicht los." Der Corona-Pandemie begegnet er pragmatisch: "Bisher hat uns jede Krise Kunden zugespielt." In der Krise steige das Bewusstsein für regionale Produkte. Landwirte müssen dabei seit Jahren auch ins Marketing investieren oder selbst Werbeprofis werden. Kochs Frau Martina war im Advent in der Sendung "Land und Lecker" zu sehen, ein eigener Stand auf der Grüne Woche gehört zum Businessplan. Aushängeschild der Kochs ist neben dem Fleisch der Bauernhof samt Laden und Café.
"Die Nachfrage nach Hofläden ist gestiegen", kommentierte Kai Rückewold den Trend zu einer bewussteren Ernährung. Immer mehr Betriebe gingen deshalb in diese Richtung. In Kremmen gibt es Ende August eine Veranstaltung, die die Gestaltung von Hofläden und eine Vernetzung einzelner Akteure thematisieren soll. "Bio" muss dabei nicht immer zwingend in der Theke liegen. Das Fleisch der ruhigen Uckermärker von Ronald Koch trägt kein offizielles Biosiegel. "Den Leuten ist das egal, sie legen Wert auf Regionalität, wollen sehen, wo die Tiere leben." Er selbst bezeichnet seine Rinder allerdings als "bio". "Das bisschen Schrot, das sie bekommen, fällt nicht ins Gewicht." Frank Bommert (CDU) sagte, konventionelle Landwirtschaft müsse wieder mehr wertgeschätzt und weit weniger stigmatisiert werden.
Ausbaufähig bleibt auf dem Land die Anbindung an den ÖPNV. Die Besucher müssen auch auf den Bauernhof kommen. Kai Rückewold von Pro Agro sieht das als Landesaufgabe an. Ein attraktiver ÖPNV könne nicht allein auf Kreise und Kommunen "abgewälzt" werden. Der Verband fördert den ländlichen Raum und damit die Landwirtschaft. Die 370 Pro-Agro-Mitglieder mit ihren 12 000 Mitarbeitern erwirtschaften gemeinsam pro Jahr einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Das Interesse an Broschüren zum Landleben und über Direktvermarkter sei um bis zu 400 Prozent gestiegen.
Vize-Landrat und zuständiger Dezernent Egmont Hamelow sprach in der Ausschusssitzung von Landwirten als eine Berufsgruppe, "die vom Kreis mehr beachtet wird als andere". Er zählte die Landwirtschaftsschule, Leader-Unterstützung und kostenlose Stände für Direktvermarkter auf der Grünen Woche auf. "Landwirte erfahren hier eine Unterstützung, die so nicht selbstverständlich ist."
Biolandwirt Stefan Gürgen aus Zehlendorf machte auf Wissenslücken aufmerksam. Nach dem Tod seines Vaters stieg er 2012 als Quereinsteiger in die Landwirtschaft ein: Getreide, Mutterkühe mit Nachzucht. Der Verkauf in den Handel sei "eine Katastrophe". "Das bringt keine Preise und man bekommt seine Abrechnung erst, wenn das Fleisch schon gegessen wurde." Direktvermarktung ist für ihn die Lösung gewesen. "Momentan gleicht das die Ausfälle aus."
Doch vor der Vermarktung kommt die Verarbeitung. Die Realisierung seines eigenen Schlachthauses mit EU-Zertifikat dauerte mehr als drei Jahre. Das Fachwissen im Umgang mit solchen Projekten fehle ebenso wie Fachkräfte. Oberhavel bildet seit Jahren keine Fleischer mehr aus. "Ich kenne Fleischer, die haben noch nie ein Tier geschlachtet." Auch Verwaltungen mangele es an Know-how, wenn es um solche Vorhaben geht, konstatierte er ohne Vorwurf Richtung Gesundheitsamt. "Man hört immer nur, wie es nicht geht, aber keiner sagt einem, wie es geht."
Dezernent Egmont Hamelow fühlte sich angesprochen und wies darauf hin, dass der Landkreis keine ingenieurtechnischen Leistungen erbringen kann und darf. Oft würden auch Anwohner und Bürgerinitiativen solche Projekte verhindern, schob er nach. Stefan Gürgen machte klar, dass es ihm nicht um Schuldzuweisung gehe. "Es fehlen einfach Fachplaner." Einer der vielen Hinweise aus erster Hand, die sich Hamelow notierte.

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Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel. kürzel