"Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt, mich fremdem Zwang zu fügen. Jetzt haben sie mich einkasernt, von Heim und Weib und Werk entfernt. Doch ob sie mich erschlügen: Sich fügen heißt lügen!", schrieb Erich Mühsam, anarchistischer Dichter mit jüdischen Wurzeln, im Jahr 1919. Nur einige Jahre später wurden seine Worte bittere Wirklichkeit: Am 10. Juli 1934 wurde er im Alter von 56 Jahren im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Um seiner zu gedenken und die Gräuel der Nazizeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, organisierte ein Bündnis linker Gruppen am Sonnabend eine Demonstration, die zum Erich-Mühsam-Gedenkstein auf dem Gelände des ehemaligen KZ Oranienburg in der Berliner Straße führte. Sie wählten die Worte des Dichters "Sich fügen heißt lügen" als Motto.
"Mit der Beteiligung bin ich recht zufrieden", sagte der Sprecher des Demo-Bündnisses, Martin Sonnenburg. Organisiert wurde die Demonstration von den Berliner Gruppen North East Antifa, Anarchosyndikalistische Jugend und Kulturzentrum - WB13. "Es sind grob geschätzt 150 Leute da. Ein paar aus Oranienburg, andere aus Strausberg, Bernau Frankfurt/Oder und Neuruppin. Etwa die Hälfte sind Berliner", fasste Sonnenburg zusammen. Später wurde die Schätzung der Teilnehmer von den Veranstaltern nach oben korrigiert: Sie zählten 240 Demonstranten.
Doch nicht nur dem Erinnern sollte die Demonstration dienen. Auch die aktuelle Diskussion um die Errichtung von Asylunterkünften in Lehnitz und Gransee sollte in Redebeiträgen aufgegriffen werden. "Gerade um den Gedenkstein herum wurden viele "Nein zum Heim'-Aufkleber angebracht", erzählt Sonnenburg. Mit Komplikationen rechnete er im Vorfeld nicht: "Heute tangieren wir nicht die Themen von Nazis."
Dass die Demonstration letztlich doch nicht so reibungslos ablief wie gedacht, lag besonders am Wetter. Während der Marsch kurz vor 14 Uhr bei Sonnenschein am Bahnhof in Oranienburg startete, begannen etwa auf Höhe des Schlosses schon fast sintflutartige Regenfälle, die binnen kürzester Zeit die Straßen unter Wasser setzten. Nur wenige ließen sich davon abschrecken, sodass der Großteil der Demonstranten gegen 14.30 Uhr völlig durchnässt am Gedenkstein eintraf. "Da kann man ja gar nichts erkennen", bemerkte eine Frau, als sie sich den braunen Stein mit der unleserlichen Gravur betrachtete. Unter einem schützendem Zeltdach wurde schließlich mit Gedichten und Liedern an Erich Mühsam erinnert. Auch Blumen wurden am Stein niedergelegt.
Doch nicht nur Unwetter sorgten für Verzögerungen. Auch ein weiterer Zwischenfall ließen den Demonstrationszug in der Bernauer Straße kurzzeitig stoppen: Polizeibeamte nahmen die Personalien von einem Teilnehmer auf. Dieser hatte einen Aufkleber angebracht. Strafrechtlich sei dies zwar nicht relevant, wie die Polizei am Sonntag mitteilte, es stelle aber dennoch eine Ordnungswidrigkeit dar.