Es ist 56 Jahre her, eine kleine Ewigkeit, gefüllt mit schmerzhaften Erinnerungen. Um nicht zu verzweifeln, wird die Trauer in der Tiefe der Seele verstaut wie in einer schweren Truhe. Nur selten wird der Deckel geöffnet. Doch jetzt, mit fast 81 Jahren, will Hannelore Bäcker darüber reden. Auch wenn es ihr eigentlich widerstrebt, so etwas Privates preiszugeben. Es ist die aktuelle Situation, die Politik sowie letztlich auch ihre lebensbejahende Einstellung, die sie dazu getrieben haben. Unterstützt von einer Freundin, "die mir gut zuredete und Kraft gab", geht sie den Schritt an die Öffentlichkeit, den sie eigentlich lieber vermeiden möchte. Eine Bitte hat sie. Um nicht von Bekannten oder Fremden auf ihr Schicksal angesprochen zu werden, möchte sie anonym bleiben, damit der Deckel der Truhe bald wieder verschlossen werden kann. Wir haben die Oranienburgerin daher umbenannt.
Es begann 1963 in einer Krippe
Alles begann mit einer typischen Kinderkrankheit. Im Mai 1963 brachen in einer Oranienburger Kinderkrippe in der Rüdesheimer Straße die Masern aus.  "Alle haben sich angesteckt, nur meine Tochter zeigte keinerlei Anzeichen", sagt Hannelore Bäcker. Ihre Tochter Petra (Name geändert) war da 15 Monate alt und ein munteres Mädchen. Wie damals durchaus üblich, wurde das Krippenkind nicht isoliert und von der hochansteckenden Krankheit ferngehalten. Eher das Gegenteil war zur damaligen Zeit schwer in Mode. "Es galt allgemein, alle in der Gruppe in ein Zimmer zu stecken, um in einem Abwasch bei allen Kindern mit den Masern durch zu sein", so Hannelore Bäcker. Jeder kann sich in seinem Leben nur einmal mit Masern anstecken. "Ich erinnere mich an viele schwere Masernfälle in Oranienburg." Doch in der Regel heilen Masern meist problemlos aus, das galt damals wie heute.
Das Fieber steigt und steigt
Die Möglichkeit, sich gegen Masern impfen zu lassen, bestand Anfang der 60er-Jahre in Deutschland noch nicht. Zwar gelang es zwei Wissenschaftlern schon 1911, Affen mit Masern zu infizieren. Doch erst 1954 wurde das Virus erstmals isoliert und gezüchtet. Vier Jahre später entwickelten Forscher den ersten Impfstoff, der ab 1963 allgemein erhältlich war.
In Oranienburg profitiert Familie Bäcker vor 56 Jahren allerdings noch nicht davon. Lange zeigt die kleine Petra nach dem Masernausbruch in ihrer Krippe keinerlei Beschwerden. Während sich ihre kleinen Spielkameraden die rötlichen Pusteln von den Armen kratzen, schaut die Kleine nur interessiert zu. Erst, als alle anderen Kinder die Masern schon hinter sich haben, reagiert Petras Körper. Dafür umso heftiger, dramatischer und perfider. Denn auf den ersten Blick ist gar nicht klar, ob sich das Kind wirklich mit den Masern-Viren infiziert hat. Es sind keine dieser roten Pusteln auf ihrem Körper zu entdecken. Doch das Fieber steigt und steigt. Hannelore Bäcker und ihr Mann fragen ihren Arzt. Der rät ihnen, das Kinderschlafzimmer abzudunkeln und Ruhe zu bewahren. "Sie schläft sich gesund", sagt er. Eine fatale Fehleinschätzung. Es wird immer schlimmer.  Als Hannelore Bäcker es nicht mehr aushält, ihre Tochter auch noch zu husten anfängt, alarmiert sie den Notarzt. Umgehend kommt das Kind ins Hennigsdorfer Krankenhaus. Jetzt wird alles gut, hofft Familie Bäcker. Doch es kommt anders. Ihre kleine Tochter stirbt, erstickt qualvoll. "Die Masern sind in den Körper gegangen", sagt Hannelore Bäcker. "Schließlich reichte ein kleiner Huster und ihre Lunge zerriss. Alle Luft, die sie dann einatmete, blieb in ihrem Brustkorb, der sich mehr und mehr nach außen wölbte." Hannelore Bäcker erinnert sich noch genau, wie der letzte Schrei ihrer Tochter klang. Am Ende zerbrach auch ihre Ehe an diesem Schlag.
Hannelore Bäcker versteht ihre Geschichte als schmerzhaften Appell an alle Impfgegner und -skeptiker. "Ich wünsche keinem Kind, keiner Mutter, so etwas zu erleben." Sie findet es gut, dass Brandenburg die Impfpflicht für Kita-Kinder eingeführt hat und die Bundesregierung nun ebenfalls nachziehen will, weil die Masern immer noch nicht ausgerottet sind.  Ab März 2020 dürfen nach den Plänen des Bundesgesundheitsministeriums Ungeimpfte nicht mehr in eine öffentliche Kita gehen. Wenn Deutschland als masernfrei gelten soll, dürfen nicht mehr als 80 Menschen im Jahr erkranken. Aktuell sind es seit dem 1. Januar schon mehr als 340 Fälle. Komplikationen treten hierzulande bei 10 bis 20 Prozent der Patienten auf. Etwa einer von 1 000 Erkrankten kann sterben.
So weit die nüchternen Zahlen. Hannelore Bäcker hat ihr Schicksal angenommen. "Ich bin nicht leidend." Ihre Tochter trägt sie im Herzen, unvergessen. Sie hätte sich gewünscht, dass es damals schon Selbsthilfegruppen gegeben hätte, für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. "Ich musste alles mit mir selber ausmachen." Sie hat es geschafft, doch der Preis war hoch. Das meiste bleibt unerzählt. Die Truhe wird wieder verschlossen. Und noch einmal richtet sie direkt und klar einen Appell an alle Eltern: "Lassen Sie ihr Kind impfen!"
Auch Oberhavels Amtsarzt Christian Schulze (kleines Foto) ist ein Impf-Befürworter. "Ein kleiner Piks kann viel Leid verhindern." Doch nicht alle sehen das so. "Ich versuche, alle zu überzeugen, jeden Impfskeptiker und jeden Impfgegner", sagt Schulze. "Skeptische Eltern wollen in der Regel eine gute Beratung. Damit können wir sie erreichen." Bei den Impfgegnern sei es wesentlich schwieriger. "Wenn sie ideologisch unterwegs sind oder einer bestimmten religiösen Gemeinschaft angehören, überzeugen oft auch keine Fakten mehr", so die Erfahrungen von Oberhavels Amtsarzt Schulze. "Wir versuchen es trotzdem."
In der DDR wird die Massenimpfung gegen Masern 1970 eingeführt, die BRD zieht drei Jahre später nach. Zu spät für Hannelore Bäcker und ihre Tochter. Die schlanke Frau mit den kurzen Haaren sitzt auf ihrem Stuhl. Die 80 Jahre Leben sind ihr nicht anzusehen. Sport und Freunde lassen sie mühelos den Alltag bewältigen. Sie genießt die gute Nachbarschaft. Auf ihrem kleinen Balkon befindet sich ein grauer Stein. Darauf steht ein Name: "Petra".

Hartnäckiges Gerücht


Bei zehn von 10 000 an Masern Erkrankten – vor allem Jugendlichen und Erwachsenen – kann es zu einer Gehirnentzündung kommen. Von diesen zehn Erkrankten sterben ein bis zwei. Bei etwa zwei bis drei Betroffenen bleiben schwere Folgeschäden wie geistige Behinderungen und Lähmungen zurück.

Masernausbrüche lassen sich erst verhindern, wenn 95 Prozent der Bevölkerung immun sind.

Impfgegner argumentieren zum Teil damit, dass die Masern-Mumps-Röteln- Impfung (MMR-Impfung) Autismus auslösen könnte. Dieses Gerücht hält sich seit 1998, nachdem ein Arzt diesen Zusammenhang veröffentlicht hatte. Es stellte sich aber heraus, dass der Wissenschaftler die Studien-Ergebnisse gefälscht hatte. 2005 wurden alle Studien zu dem Thema untersucht. Es konnte kein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus oder Morbus Crohn gefunden werden.

Seit 2001 sind in Deutschland Masernerkrankungen meldepflichtig. Im Landkreis Oberhavel wurde der letzte Masernfall 2016 registriert. 2015 gab es 15 Meldungen.

Der Brandenburger Landtag beschloss am 11. April 2019 eine Impfpflicht für Kita-Kinder. bu