Am frühen Abend kommen erst vereinzelte Läufer, oft zu zweit. Vielen steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Sie sehen erschöpft aus, manche wanken und gehen krummbeinig: Innezuhalten scheint schwieriger als mechanisch einen Fuß vor den anderen zu setzen. Um 6 Uhr morgens sind sie in Prenzlauer-Berg gestartet, 139,6 Kilometer liegen hinter, "nur noch" ein Halbmarathon liegt vor ihnen. Schnell ein Glas Wasser, eine Brühe, bloß jetzt nicht hinsetzen. Good Luck, vielen Dank, und schon ist der Läufer wieder weg.
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Mark Perkins ist um die Zeit längst durch, sogar schon, als die Helfer am Nachmittag zum Naturschutzturm kommen, um den "Turmherrn" Marian Przybilla zu unterstützen und die Läufer mit Applaus zu empfangen. Lange kann sich der Engländer sowieso nirgends aufgehalten haben - sonst wäre er nicht nach sensationellen 13 Stunden, 6 Minuten und 52 Sekunden ins Ziel gelaufen.
In den Abendstunden erreichen in unregelmäßigen Abständen Läufer den hell erleuchteten Turm auf dem Bergfelder Grenzstreifen. Einige Hohen Neuendorfer sind zur Unterstützung gekommen, auch Lysann Steinbacher, Harald Glowatzki und Johann Müller als regelmäßige Helfer am Turm werden die ganze Nacht da sein. Sie schmieren Stullen, füllen Becher nach, schälen Apfelsinen und reden jedem gut zu, der vorbeikommt. Verstärkung bekommen sie von Katrin Birke und ihrer Tochter Shenja aus Mahlsdorf.
Gegen halb zehn sucht sich Katrin Struzak den Weg durch den Wald zum Turm. Dort wartet sie eine halbe Stunde auf ihren Mann Bernd. Der ist Teil der Zehner-Staffel "Radiergummi-Liga", der sie auch angehört. Katrin Struzak wird später samt Berner Sennenhündin Meika den letzten Abschnitt ins Ziel laufen. Ihr Mann kommt gelaufen, ist nach zehn Kilometern noch guter Dinge, kaum überrascht, sie zu sehen, aber auch nicht hungrig. Einmal kurz den Hund gekrault, Foto, Küsschen, am VP ausschecken, weg.
Anton Luber ist zum zweiten Mal dabei. Der blinde Nürnberger wird von Alex Dautel begleitet, aber erst seit Kilometer 60. Dennoch wirken beide gleich fit.
"Ich bin müde", sagt Bo Junker schlicht. Auch Gawan Mäder streckt die müden Beine aus und erklärt: "Der Bus ist so verlockend." Wasser, Cola, Minuten später sind sie verschwunden.
Jeder Ankömmling wird freundlich begrüßt, versuchsweise auf Deutsch und auf Englisch, denn der Lauf hat in den Niederlanden ebenso Freunde wie in Dänemark, Großbritannien und Deutschland. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre. "Super, dass ihr das macht. Ohne euch würde der ganze Lauf nicht gehen!", ruft Bennie de Vries im Pavillon in die Runde. "Ihr habt es sehr gemütlich hier", sagt er noch. Lange bleibt er nicht.
Das Licht unterm Holzdach ist anheimelnd. Aber es wird eine kühle Nacht. Ein paar Läufer wechseln auf lange Hosen. Das Schwedenfeuer vor dem Pavillon glimmt nur noch. Solange niemand kommt, wickeln sich die Helfer in Decken. Aber mitten in der Nacht herrscht dann wieder lebhafter Betrieb.
"Schaffe ich es? Sagen Sie mir, dass ich es schaffe!", fordert Veronique Bourbeau und lacht ansteckend. Mehrere Trinkflaschen lässt die noch putzmuntere Kanadierin sich füllen. Kein Zweifel, dass sie schafft.
Läufer für Läufer kommt zum Turm und verschwindet wieder in die Nacht, durch den Wald und weiter auf der Bundesstraße 96 durch Glienicke. Je später die Ankunft, desto müder die Glieder: Um neun ist am Sonntag ist Kehraus. Marian Przybilla schließt den Turm zu. Auch die Helfer haben ihren persönlichen Ultramarathon wieder einmal geschafft.