Mal schnell eine Linde beim Pflanzen-Discounter kaufen, einpflanzen – und fertig ist der neue Straßenbaum? Eine WC-Anlage ordern, auf den Rathausplatz stellen – und schon steht die öffentliche Toilette? So einfach ist das für eine Gemeinde und die politischen Entscheidungsträger nicht. Kommunalpolitik ist ein oft langwieriger, mitunter komplizierter Prozess voller Verordnungen, Gesetze und Kompromissen.
Genau das haben in den vorigen Tagen 54 Schülerinnen und Schüler aus dem zwölften Jahrgang der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder gelernt. Im Planspiel – eine Simulation kommunalpolitischer Abläufe – schlüpften sie in die Rollen von Gemeindevertretern, erarbeiteten Beschlüsse und nahmen an realen Sitzungen teil.
Anspruchsvolle Rolle: Sonja Leicht, Laura Jordan und Pauline Petek (v.l.) spielten die grüne Pfarrerin Gisela Vogt.
Anspruchsvolle Rolle: Sonja Leicht, Laura Jordan und Pauline Petek (v.l.) spielten die grüne Pfarrerin Gisela Vogt.
© Foto: Marco Winkler
Die vielen Enthaltungen im Hauptausschuss haben Laura Jordan irritiert. „Das war komisch“, sagt die 17-Jährige auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. „Ich würde mich klar positionieren.“ In einer „späteren Epoche meines Lebens“ könne sie sich aber durchaus vorstellen, kommunalpolitisch aktiv zu werden. „Auch wenn es ein großer zeitlicher Aufwand ist.“ Für das Planspiel verkörperte sie die fiktive Gemeindevertreterin Gisela Vogt: verheiratet, drei Kinder, Pfarrerin, nah am Wasser gebaut, wenn es um Tierschutz geht.
Die Schüler arbeiteten in verschiedenen Gruppen. So ist auch Sonja Leicht als Gisela Vogt aktiv gewesen. Politik als Berufswunsch? Kommt für die 16-Jährige eher nicht infrage. „Es ist anspruchsvoll und so viel Aufwand“, sagt sie. „Aber ich bin froh, einen Überblick bekommen zu haben.“ Auch für Paul Piesker, der in die Rolle des konservativen Jens Peter schlüpfte, war nach dem Kurs klar: „Politik ist langwieriger als ich dachte.“ Sein Mitschüler Vitus Mollenhauer alias Joachim Gabor von den Freien Wählern sagt: „Man respektiert die Kommunalpolitiker jetzt aber mehr.“

Bürgermeister Zimniok lobt die Kooperation mit der Schule

Bei den Abgeordneten, die das hören beziehungsweise nun lesen, dürften die Worte runtergehen wie Öl. „Das gebe ich natürlich weiter“, sagt Bürgermeister Stephan Zimniok (IOB-BiF), der die Kooperation mit der Hildebrandt-Schule lobt. Die Simulation sei gelungen. In der realen Politik haben es die Schülerbeschlüsse – sie verfassten neben vorgegebenen Texten eigenständig eigene Vorlagen – allerdings schwer. Ein Biotop auf der Rathauswiese wird es wohl genauso wenig bis zur Realisierung schaffen wie Fahrradboxen am Bahnhof. Auch hier setzte der Lerneffekt ein.
Musste für seine Figur konservativ werden: Paul Piesker als Jens Peter
Musste für seine Figur konservativ werden: Paul Piesker als Jens Peter
© Foto: Marco Winkler
Folgenlos bleiben die Gedankenspiele jedoch nicht. In der Fiktion schlagen die Freien Wähler 27 „nette Toiletten“ vor, die von Gastronomen zur Verfügung gestellt werden – diese bekämen für die öffentliche Nutzung ihres WCs einen Zuschuss von 17.000 Euro. In der Realpolitik sei der Vorschlag zwar auf Skepsis gestoßen, so Zimniok. Doch werde es demnächst einen Beschluss geben, der eine öffentliche Toilette ermöglichen soll. „Es wird wohl auf einen Toilettenwagen hinauslaufen“, so der Rathauschef.

Politiker-Klischees bieten Schutz

An der Birkenwerderaner Schule wurde das Planspiel als Pflichtveranstaltung etabliert. „Wir hoffen, dass das Rathaus die Form der politischen Bildung noch lange anbietet“, sagt Tutor Matthias Pollick. „Hier erlernen Schülerinnen und Schüler am besten den politischen Meinungsprozess auf kommunaler Ebene.“
Die Idee brachte übrigens die Kinder- und Jugendbeauftragten Sophie Friese ein, nachdem sie an einem Planspiel im Bundestag teilgenommen hatte. Für die stereotypen Politiker-Abziehbilder, welche die Schüler verkörpern mussten, hat sie eine Erklärung: „Sie sollen das ganze Spektrum an Gemeindevertretern mitbekommen. Zumal die Klischees Schutz bieten und durch die Distanz erst Debatten ermöglichen.“ Jugendliche in Birkenwerder können sich auch abseits des Planspiels beteiligen: im Jugendbeirat oder in der Spielplatzkommission.