Viel weniger bekannt ist: Sie stammen aus Schlesien. Wie so viele andere, die seit dem 18. Jahrhundert aus Breslau, Liegnitz, Beuthen oder Glogau nach Berlin gekommen sind, um hier zu leben und ihr Auskommen zu finden.
Wie vielfältig Schlesier die Stadt bereichert haben, ist heute kaum mehr geläufig, mehr noch, der Blick auf ihre Verdienste in der Vergangenheit ist verstellt. Es ist eine Art Sippenhaft für die Ahnen. Schlesier, das sind doch die ewig Gestrigen, die meistens über die Vertreibung jammern. Mit ihrem jüngsten Buch „Jeder zweite Berliner – Schlesische Spuren an der Spree“ hat sich die Borgsdorfer Autorin Dr. Roswitha Schieb die Mammutaufgabe vorgenommen, mit solchen Vorurteilen aufzuräumen.
„Jeder zweite Berliner“, das klingt nach Übertreibung. Roswitha Schiebs Buch bedient aber keinerlei Klischees. Es ist auch keine Lobhudelei für den oft präsenten Friedrich den Großen. Nicht zufällig wendet der Alte Fritz dem Leser auf dem Buchdeckel den Rücken zu. Alt und verbraucht wirkt der Mann am Stock. Doch viele Schlesier haben ihn eben verehrt und sich im preußischen Staatswesen gut aufgehoben gefühlt. Dafür, dass sie eifrige Preußen waren, hat Roswitha Schieb unzählige Belege gefunden.
Das Buch im Kopf oder dabei, geht der Leser anschließend mit ganz neuer Aufmerksamkeit durch Berlin. Den Kopf gesenkt, schaut er in alten Straßen aufs großflächige Granitpflaster. Es stammt aus schlesischen Steinbrüchen. Wer den Kopf hebt, entdeckt an der Hochbahn vielleicht, dass die Eisenkonstruktion von der Firma Beuchelt aus dem schlesischen Grünberg gefertigt wurde. Der künstlich angelegte Wasserfall am Kreuzberger Viktoriapark ist die Nachbildung eines Wasserfalls im Riesengebirge und ist von Hermann Mächtig nachgebildet worden. Der Görlitzer Bahnhof und das Schlesische Tor sind nicht nur U-Bahnhöfe, sie erinnern tatsächlich an Schlesien, so wie immerhin einige Straßennamen an Willibald Alexis oder August Kopisch.
Die Liste an großen und an fast vergessenen Namen setzt sich 
383 Seiten lang fort. Eigentlich gar nicht zu fassen, wer alles Schlesier war! 
Roswitha Schieb hat ihre Spurensuche in drei Spaziergänge gegliedert, und mit dem Buch in der Hand kann die Gegend tatsächlich gut erkundet werden. Vom Brandenburger Tor bis zur Alten Nationalgalerie und damit von dessen Erbauer Carl Gotthard Langhans zum Maler Adolph Menzel führt der erste Weg. Dank Roswitha Schiebs gelungenen Beschreibungen kommt der große Maler Berlins dem Leser freundlich entgegen. Menzel ließ nicht nur Friedrich II. in seinen Gemälden auferstehen, sondern er war auch sichtlich fasziniert von Menschen bei der Arbeit, so in einem Eisenwalzwerk in Königshütte.
An der St. Hedwigs-Kathedrale beginnt der zweite Weg, von dort geht es über den Bebelplatz bis zum Alexanderplatz. In den Komödienhäusern stellten einst schlesische Autoren und Darsteller den spezifischen schlesischen Humor und eine leichte südliche Lebensart unter Beweis.
Das reich bebilderte, fast enzyklopädisch wirkende Buch ist kein Reiseführer, der Sehens- und Wissenswertes lediglich auflistet. Trotz einer Fülle von Informationen ist es spannend zu lesen und zeigt eine Kulturgeschichte ganz eigener Art. Es eignet sich zum Nachspazieren, und die Wege sind nicht mal besonders weit – allerdings jeweils hundert Seiten lang! Deshalb empfiehlt sich die vorherige Lektüre dringend, um eine passende Auswahl treffen zu können. Dazu kommt, wie die Autorin selber findet, dass der dritte Spaziergang zwischen Schlesischem Tor und Ostbahnhof doch „eher interessant als schön“ ist. Hier bewegt sich der Stadtwanderer vom frühen 20. ins 21. Jahrhundert und lernt dabei auch Abgründe kennen.
Roswitha Schiebs Buch zeigt, dass die alten Schlesien zu Unrecht aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden sind. Es lädt ein, Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und sich auf die kulturelle Spurensuche zu machen. Anregungen hält es jede Menge bereit.

Roswitha Schieb: „Jeder zweite Berliner – Schlesische Spuren an der Spree“, 384 Seiten, 
19,80  Euro, Verlag Deutsches Kulturforum östliches Europa, ISBN: 978-3-936168-61-7.
Zur Person
Roswitha Schieb wurde 1962 in Recklinghausen geboren und hat viele Jahre in Köln und Berlin gelebt. Sie ist promovierte Germanistin und Kunstwissenschaftlerin.
Seit 1996 ist sie in Borgsdorf zuhause, wo sie mit ihrem Mann und ihrer achtjährigen Tochter die Natur genießt und zuweilen durch den nahen Hubertussee schwimmt.
Durch ihre Eltern wurde Roswitha Schieb das Thema Schlesien zwar quasi in die Wiege gelegt - aber erst in den 1990er-Jahren hat die Autorin begonnen, sich mit schlesischer Geschichte in Preußen zu beschäftigen. Ein wenig Polnisch spricht sie inzwischen auch.
"Ich sehe mich nicht als Schlesierin, aber auch nicht als Westfalin. Ich bin einfach interessiert", sagt sie über sich. Die Autorin hat schon mehrere literarische Reiseführer verfasst, darunter einen im Verlag des Deutschen Kulturforums östliches Europa über die Stadt Breslau. Dieser ist bereits in zweiter Auflage erschienen.