Zu Beginn der sechs Kilometer langen Tour überwiegt noch die Unlust, sich bei sechs Grad Celsius an der frischen Luft zu bewegen. Viele sind viel zu dünn angezogen und frieren. Doch das zügige Tempo, das zwei Jungs vorgeben, hält warm auf dem Weg zum Mauerweg an der B 96. So richtig bewusst ist noch keinem, dass an dieser Stelle vor 30 Jahren eine fast unüberwindliche Mauer stand. Das wird den Jugendlichen erst klar, als sie an einer Stele für die Mauertoten versuchen, an die Spitze der 3,60 Meter hohen Metallstange zu kommen. So hoch war die Mauer damals. Der sportliche Jason schafft es tatsächlich, bis nach oben zu klettern. Lange kann er sich aber nicht festhalten. Nach wenigen Sekunden stürzt er wieder ab. "Ohne Hilfe wäre keiner alleine über die Mauer gekommen", ist sich der 14-jährige Orlando jetzt sicher. Er hilft seinem Klassenfreund bei der Landung und fängt den Fall in die Tiefe ab.
Vor Ort viel begriffen
Am Memorial, das am Sonnabend am ehemaligen Grenzturm auf dem früheren Mauerstreifen eröffnet wurde, begreifen die Achtklässler, wie perfide die DDR versucht hat, die Menschen daran zu hindern, ihr Land zu verlassen. Vorsichtig berührt Orlando mit dem Finger eine Spitze des verrosteten Gitters, auch Stalinrasen genannt. "Das ist richtig fies", entfährt es Jason. Er hat sich gerade vorgestellt, wie ein Flüchtling aus fast vier Metern Höhe mit den Füßen auf die zehn Zentimeter langen Dornen springt und aufgespießt wird. "Allein die Vorstellung ist richtig gruselig", sagt er
Unterwegs müssen die Jugendlichen verschiedene Aufgaben erfüllen und Fragen zur Mauer beantworten. Da es zu kalt zum Schreiben ist, werden kurzerhand die Informationstafeln fotografiert. "Dann können wir im warmen Klassenzimmer die Fragen beantworten", erklärt ein Mädchen einen Vorteil von Handys. Klassenlehrerin Kathrin Hoehne hat nichts dagegen. "Solange ihr die Fragen beantwortet, ist es gut." Das Handy bleibt an der letzten Station allerdings in den Taschen der Oberschüler. Denn an der Stele, die an die tödliche Flucht der damals 18-jährigen Marienetta Jirkowsky in der Florastraße erinnert, hören die Jugendlichen aufmerksam Marian Przybilla zu. Der Bergfelder hat heute noch Kontakt zu Falko Vogt, dem im Gegensatz zu seiner Freundin am 22. November 1980 die Flucht nach Berlin-Frohnau gelang. Przybilla beantwortet geduldig die Fragen der Jugendlichen und erinnert an das Glück des Mauerfalls vor inzwischen mehr als 30 Jahren. Er hat sogar Bilder von der Öffnung des Hohen Neuendorfer Mauerstücks am 17. Februar 1990 dabei. Zu sehen sind Menschen, die sich in den Armen liegen, aber auch der unbewachsene Mauerstreifen, der baumfrei gehalten wurde, um ein freies Schussfeld zu haben.
Im warmen Klassenzimmer in der Roten Schule werden später tatsächlich die Aufgaben mit den Handyfotos gelöst. Die Jugendlichen werten auch den Spaziergang aus. "Jeder hatte bestimmt Angst vor der Flucht", zeigt sich Orlando beeindruckt von dem Mut der Flüchtenden, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten, um in die Freiheit zu kommen. "Ich habe wirklich viel erfahren heute", sagt Henning, der erstaunt ist, dass es tatsächlich einige Männer und Frauen geschafft haben, die Mauer zu überwinden.
Normalerweise haben die Achtklässler dienstags immer Englisch, Deutsch und Mathe. Das Thema DDR sieht der Lehrplan erst in der zehnten Klasse vor.

Projekttag


Etwa 120 Mädchen und Jungen der siebenten und achten Klassen der Dr.-Hugo-Rosenthal-Oberschule haben an dem Spaziergang teilgenommen.

Die Neunt- und Zehntklässler sind zur Mauergedenkstätte in die Bernauer Straße und Gedenkstätte nach Hohenschönhausen gefahren, wo über die politische Verfolgung in der DDR informiert wird.

Die Erkenntnisse des Projekttages werden in einer Vitrine im Schulflur dokumentiert. zeit