Seit Juli 2012 ist Jenny Riedel selbstständig. Vom Hennigsdorfer blauen Wunder aus, in dem sie ihren Geschäftsraum hat, bietet sie einen mobilen Büroservice an. Für den Einzelkämpfer-Anwalt zum Beispiel, der keine Bürokraft hat, aber ans Gericht muss. Der kann sie für den Telefondienst buchen. Ihr "Mobile Office Management" übernimmt ebenso das Diktate schreiben, den Briefwechsel, das Mahnwesen, Reiseplanungen und Mailings - "alles, was papierlos möglich ist", sagt Jenny Riedel.
Ihr Angebot kommt an, nimmt zu. Im März überlegte sie: "Wie kann ich gesund wachsen." Jetzt besteht ihr Team aus vier Frauen, die alle schwerbehindert sind. Das hat viele Vorteile. "Jede von uns weiß am eigenen Leib, wie die Situation ist. Das ist ein Arbeiten auf Augenhöhe", sagt Jenny Riedel. Jede habe Verständnis für die Bedürfnisse der anderen. Dann räumt sie mit einem Vorurteil auf: "Die meisten denken, Behinderte sind häufiger krank. Das ist falsch. Sie sind unglaublich motiviert und freuen sich darüber, arbeiten zu dürfen." Dann sagt sie noch. "Wir sind jetzt hier zu hundert Prozent schwerbehindert." Sie betont es, als sei es ihr persönliches Markenzeichen für Qualität.
Die Leegebrucherin, die eigentlich aus Marzahn kommt, integriert ihre Krankheit in ihr Leben und nicht umgekehrt, wie sie sagt. Um ihr Büro in Hennigsdorf nicht wegen der regelmäßigen Physio- und Atemtherapie verlassen zu müssen, hat sie eine dunkle Matte. Die wird dann im Büro auf den Boden gelegt. Auch ihre Assistentin weiß die Matte zu schätzen, wenn sie die Rückenschmerzen wieder zu sehr plagen. Alle können aber auch von zu Hause aus arbeiten. Die Technik macht Homeoffice möglich, sogar im Krankenhaus - falls es nötig ist.
Die schwerbehinderte Jenny Riedel profitiert von der Unterstützung der Arbeitsagentur für schwerbehinderte Arbeitnehmer. "Bei der Arbeitsagentur bin ich auf offene Ohren gestoßen und gut beraten worden." Für ihre ebenfalls behinderte Halbtagskraft bekommt sie seit März 40 Prozent des Gehalts als Zuschuss. Weil eine neue Arbeitsstelle geschaffen wurde, summiert sich das über fünf Jahre auf 18 000 Euro. Für eine junge, wirtschaftlich denkende Selbstständige war die finanzielle Förderung ein klarer Pluspunkt für ihre Entscheidung, Leidensgenossinnen einzustellen. Außerdem sei es für sie keine Floskel, "dass ich Menschen mit Behinderung bei gleicher Leistung bevorzugt einstelle", so Jenny Riedel. Demnächst wird ihr Büro nach Hohen Neuendorf ziehen, geplant wird barrierefrei - natürlich.