Als Orts- und Regionalhistoriker beschäftige ich mich schon seit Längerem mit den Straßennamen unserer Stadt. Auch hier dienten die wenigen Namen von Straßen und Plätzen in den vergangenen Jahrhunderten zunächst nur der Orientierung und Standortbestimmung. Sie kamen in der Regel ohne einen besonderen Verwaltungsakt auf. Genannt seien hier beispielhaft die Breite Straße, der Marktplatz (heute Schlossplatz), die Mühlenstraße (heute Sachsenhausener Straße) oder die Havelstraße. Größere inhaltliche Dispute sind hierüber nicht aktenkundig.
Erst das 19. Jahrhundert, für die Deutschen eine Zeit des sich ausprägenden Nationalbewusstseins und des Strebens nach einem geeinten Nationalstaat, machte mit dem Städtewachstum die benötigten Straßennamen zu Vermittlern politischer Ideen und Trägern von "ehrenwerten" Personennamen. Damit wird sie für alle Beteiligten und Berufenen zu einem Vorgang, dessen Ergebnis viele divergierende Standpunkte hervorrufen kann.
Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Seit 2005 heißt die ehemalige Bahnhofstraße"Willy-Brandt-Straße". Einen persönlichen Bezug zu Oranienburg gab es meines Wissens nicht. Ob es also angemessen war, diese schlichte Straße nach dem großen Patrioten und sozialdemokratischen Politiker zu benennen, darüber kann man trefflich streiten. Konsensstiftend ist aus meiner Sicht eine andere Neubenennung unserer Zeit. Anlässlich des 800. Stadtjubiläums im Jahre 2016 erhielt der vor der Kirche liegende Platz den Namen Pastor-Ballhorn-Platz. Damit wollte man nicht nur den Verfasser der ersten umfassenden Oranienburger Stadtgeschichte ehren, sondern auch an seine Tätigkeit als Pfarrer von 1824 bis 1870 erinnern. Anlass, Standort und Persönlichkeit liegen hier nahe beieinander. Für mich ein Volltreffer!
Kommen wir zum aktuellen Disput – den möglichen Straßennamen des Aderluchs. Entscheidend ist hier der historische Hintergrund. Ursprünglich war das Gelände ein zugewachsener flacher See, auf dem im 20. Jahrhundert noch Torf gestochen wurde. Erst im Adressbuch 1937/38 findet das Luch als Straßenname Erwähnung. Am 1. Oktober 1942 nahm ein Zweigwerk der Luftschiffbau Zeppelin GmbH Friedrichshafen, das sich mit Kalkül in unmittelbarer Nähe des KZ Sachsenhausen auf dem Gelände zwischen der Straße Aderluch und den Bahngleisen angesiedelt hatte, seinen Betrieb auf. Das Unternehmen nutzte den Standort als Außenlager "Aderluch-Kommando", um die Häftlinge unter den Bedingungen unmenschlicher Zwangsarbeit auszubeuten. Darüber informierten die Gedenkstättenstiftung und das Internationale Sachsenhausen Komitee (ISK) im Vorfeld der Namensfindung die Stadtverordneten. Weitere KZ Außenlager des Unternehmens, zum Stammlager Dachau gehörend, befanden sich in Bad Saulgau und Friedrichshafen. Das einstige Firmengelände ist somit ein authentischer Gedenk- und Erinnerungsort für das Leiden und Schicksal der Häftlinge.
Die Gedenkstätte fordert daher zu Recht, dass diese Tatsache als grundlegende Orientierung für die Namensfindung der in Frage kommenden Straßen anerkannt wird. Die historische Forschung geht von einem Drittel weiblicher Zwangsarbeiter der in Deutschland insgesamt ca. sechs Millionen Zwangsarbeit leistenden ausländischen Gefangenen aus. Den übergroßen Anteil dieser Frauen stellten junge Erwachsene bis 21 Jahre aus Osteuropa. Jede einzelne von ihnen hätte es verdient, dass man sich ihrer mit Namensnennung und persönlichen Lebensdetails im öffentlichen Raum erinnert. Beide mir bekannten Namenslisten, sowohl von der Stadt als auch von der Gedenkstätte, entsprechen meines Erachtens nur unvollkommen mit unterschiedlichem Maß den objektiven Umständen.
Andreas Meyer, Vizepräsident des ISK, forderte berechtigter Weise, den Ermordeten im Konzentrationslager durch einen Straßennamen wieder eine individuelle Identität zu geben. Für die Liste der Stadt träfe das nur auf einen Vorschlag zu. Die Kritik der Stadtverordneten Elke Kästner (Linke) darüber kann man nur unterstreichen. Stringent ist hier lediglich die Beziehung der Frauen zu Oranienburg. Doch auch die Gedenkstätte schlug noch im Mai 2019 nur eine Frau und drei Männer vor, die vor ihrem mörderischen Schicksal nicht in der Öffentlichkeit gestanden haben. Vier weitere männliche Häftlinge besaßen dagegen allein durch ihre Profession bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad. Einer von ihnen ist bereits in Belgien mit einer Straßenbenennung geehrt worden. Auch hier müsste also nachgearbeitet werden.
Noch ist es Zeit, sich im Interesse des würdigen Erinnerns an die Opfer auf eine gemeinsame Namensliste zu einigen. Für die Straßen am Aderluch kann dies nur eine kleine Auswahl bedeuten. Die Forschungsarbeit der Gedenkstätte ermöglicht es vielleicht, eine als Denkmal gestaltete Tafel mit den Namen und Lebensdaten der ZwangsarbeiterInnen des "Zeppelin-Kommandos" am Aderluch aufzustellen. Es wäre ein weiteres deutliches Zeichen für die bewusste Anerkennung der historischen Verantwortung von Seiten der Stadt gegenüber den Opfern des nationalsozialistischen Terrors.