"Wir dürfen hier nichts mehr dem Zufall überlassen, sondern sind gut beraten, systematisch vorzugehen, um Gefahren für Leib und Leben abzuwehren." Professor Wolfgang Spyra, Verfasser des Gutachtens über die Kampfmittelbelastung Oranienburgs, weiß, wovon er spricht. Sicher sei Oranienburg kein Einzelfall. Gezielte Bombardierungen auf Rüstungsbetriebe, Bahnhöfe und Häfen hätten auch andere deutsche Städte hinnehmen müssen, sagt er während der Pressekonferenz mit Innenminister Dietmar Woidke (SPD) und Bundestagsabgeordneten. Die sollen dafür gewonnen werden, dem Gesetzentwurf, den der Bundesrat auf Initiative Brandenburgs und Niedersachsens beschlossen hat, im Bundestag zu einer Mehrheit zu verhelfen.
"Nur, Oranienburg ist ein spezieller Fall", betont Spyra, um zu verdeutlichen, dass dringend mehr Mittel bereit gestellt werden müssten, um die Gefahr explosiver Altlasten des Zweiten Weltkriegs rascher zu reduzieren. In Oranienburg mache der bundesweit höchste Anteil tückischer Bomben mit chemischen Langzeitzündern die Lage mehr als brisant. Unkontrollierte Detonationen seien hier jederzeit möglich, weil die Sprengkörper zunehmend labil und die chemischen Prozesse in den Zündern weiter aktiv seien. "Entgegen der Auffassung des Bundes, der die Gefahren durch Kampfmittel des Zweiten Weltkrieges mehr und mehr zu ignorieren scheint, ist hier genau das Gegenteil gefordert", so der Wissenschaftler der Uni Cottbus.
Auch Oranienburg sei natürlich nicht zufällig bombardiert worden, sondern gezielt. Deswegen führe an einer systematischen Suche, wie sie die Stadt seit dem Jahr 2000 betreibt, kein Weg vorbei. Nur vieles könnte schneller gehen, wenn mehr Mittel zur Verfügung stünden. Spyra beklagt auch, dass das von ihm entwickelte Plasmaverfahren zur Neutralisierung von Blindgängern in Deutschland kaum in Serie getestet werden könne, um als Standard anerkannt zu werden und dann in der Praxis zum Einsatz zu kommen. Damit ließen sich die Auswirkungen von Bombenentschärfungen durch erheblich kleinere Sperrkreise deutlich reduzieren.
71,4 Millionen Euro hat die Kleinstadt Oranienburg in ihrer Eröffnungsbilanz für die Kampfmittelsuche bis 2030 eingestellt. "Aus eigenen Mitteln",, wie Vize-Bürgermeisterin Kerstin Kausche (parteilos) ausdrücklich betont. Der Bund stelle im Jahr für die Beseitigung reichseigener Munition gerade mal 25 Millionen Euro bereit - für die gesamte Bundesrepublik.
Die Beseitigung der Kampfmittel des Zweiten Weltkriegs sei allerdings eine gesamtstaatliche Aufgabe, die der Bund nicht allein den Kommunen und Ländern überlassen dürfe. Schon gar nicht könne sich der Bund auf eine bewährte Staatspraxis nach Artikel 120 des Grundgesetzes berufen, kritisiert die Bundestagsabgeordnete Angelika Krüger-Leißner (SPD). Notfalls könne auch das Grundgesetz geändert werden. Die Abgeordnete sieht für den aktuellen Gesetzentwurf im Bundestag bessere Chancen, eine Kostenbeteiligung des Bundes zu erreichen, als bei den Versuchen 2002 und 2004.