"Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens", sagt der 31-Jährige aus Berlin in seinem Video. Er wirkt darin gefasst und lässt dennoch erkennen, wie erschüttert er über das Erlebte ist und wie unendlich lang den hilflosen Menschen der minutenlange Angriff vorgekommen sein muss. Sie sahen auf dem Monitor der Überwachungskamera vor dem Gebäude, wie eine Frau draußen erschossen wurde und der Täter danach auf die Synagoge losstürmte. "Es gab nur eine einfache Holztür zwischen uns und dem Täter", berichtet Remis. "Er hat auf die Tür geschossen, er hat versucht, sie mit dem Fuß einzutreten." In dem Moment habe er gedacht, "das Leben geht vorbei an diesem Tag". Zum Glück sei keine Panik ausgebrochen, aber alle hätten gewusst, was hätte passieren können.
"Heute habe ich wirklich erlebt, was es bedeutet, Jude zu sein im Jahre 2019", sagt Remis. Er spielt damit auch darauf an, dass Antisemitismus in Deutschland zunimmt und für hier lebende Juden zur Bedrohung wird. Deshalb gab es auch scharfe Kritik am fehlenden Polizeischutz vor der Sy­nagoge. Remis schildert, dass der Täter minutenlang agieren konnte, ohne dass Polizei eingriff.
Brandenburgs Landesrabbiner Nachum Presman aus Potsdam forderte am Donnerstag mehr Schutz jüdischer Einrichtungen in Deutschland. Die Landesparteien von SPD, CDU und Grünen sprachen sich für den Schutz und die Förderung jüdischen Lebens aus. Elena Miropolskaja, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Oberhavel, sprach in diesem Zusammenhang einen wunden Punkt an. Noch immer steht der Gemeinde nur ein provisorischer Raum zur Verfügung. Das leer stehende Ladenlokal dient als Büro, Versammlungs- und Gebetsraum.
Vor mehr als zwei Jahren hatte die Gemeinde den Pachtvertrag mit dem Landkreis für den völlig maroden Altbau an der Sachsenhausener Straße gekündigt. Seither steht das denkmalgeschützte Haus als Bauruine hinter Zäunen. Die Gemeinde nutzt Räume der Woba in Sichtweite. "Im Mai 2020 feiert unsere Gemeinde das zwanzigjährige Bestehen", sagt Elena Miropolskaja. Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) und Stadtverordnetenvorsteher Dirk Blettermann (SPD) hätten ihr versprochen, dass es  bis zum Mai eine Lösung gebe.
Gerne würde die Gemeinde das frühere Synagogengelände nutzen. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde das Bethaus in der Havelstraße von Nazis geschändet und bei einem Bombenangriff auf die Stadt zerstört. Seit 1988 befindet sich an der Stelle eine Gedenktafel. Dahinter steht der Kreistagssaal. Das Landratsamt plant einen Neubau zur Erweiterung der Verwaltung und hat dafür auch das nebenliegende freie Grundstück der Stadt bekommen. Elena Miropolskaja steht vor der Gedenktafel und blickt auf das freie Grundstück. Auch in anderen Städten wurden neue Synagogen dort gebaut, wo bis zum Krieg die jüdischen Gebetshäuser standen.
Bürgermeister Alexander Laesicke betont nach der Gedenkfeier, wie wichtig ihm die geplante Städtepartnerschaft zu einer Kommune in Israel sei. Er hoffe auf mehr Vertrautheit und Verbundenheit. Wichtig sei, dass sein Vorschlag ohne Gegenstimmen von den Stadtverordneten beschlossen wurde.

Höchster jüdischer Feiertag

140 Mitglieder hat die im Jahr 2000 gegründete Jüdische Gemeinde "Wiedergeburt". Viele Angehörige kommen aus Russland und Osteuropa. "Die Gemeinde ist sehr präsent und wir sind offen für Gäste", sagt die Vorsitzende Elena Miropolskaja. Die Gemeinderäume sind ein wichtiger Treffpunkt.

Yom Kippur bedeutet Versöhnungsfest. Es gilt als höchster jüdischer Feiertag. Viele Gemeinden in Brandenburg begehen das Fest erst am Wochenende. Einige Oranienburger feierten es am Mittwoch zu Hause. kd