Der gemeinnützige Umwelt- und Verbraucherverband hat sämtliche Bahnhaltepunkte in Oberhavel aus der Reisenden-Perspektive bewertet und je Bahnhof eines von drei Qualitäts-Prädikaten vergeben. Die Vor-Ort-Tests fanden vom 25. April bis zum 10. Mai dieses Jahres statt.
"Wir waren zu dritt und mit dem Fahrrad unterwegs. Der Test war sehr aufwändig, es hat sich aber gelohnt. Es ist das erste Mal, dass alle Bahnhöfe eines kompletten Landkreises systematisch nach den selben Kriterien untersucht wurden", so Dirk Flege.
In Oberhavel seien viele Bahnsteige in den vergangenen Jahren erneuert und etliche Vorplätze kundenfreundlicher gestaltet worden, sagte Flege. So sind "mittlerweile 93 Prozent der Bahnsteige stufenfrei erreichbar und 73 Prozent der Stationen mit überdachten Fahrradabstellmöglichkeiten ausgestattet".
Die größten Schwachpunkte sind laut VCD-Kreisgruppe fehlende Wegweiser zum Bahnhof innerhalb der jeweiligen Ortschaften sowie eine häufig unzureichende Busanbindung. Flege: "Nur jede zweite Bahnstation hat im Umkreis von 100 Metern eine Bushaltestelle. Das ist erschreckend wenig und für Menschen, die ohne Auto mobil sein wollen oder müssen, eine Zumutung." Die Verbindung von Bus und Bahn sei "extrem schlecht in Oberhavel", sagte Dirk Flege. Er könne kaum erkennen, dass Busse in Oberhavel an den Schienenverkehr gekoppelt sind.
Er fordert den für den Busverkehr verantwortlichen Landkreis und die Kommunen auf, "Bus und Bahn zusammenzuführen und gemeinsam ein attraktives Mobilitätsangebot aus einem Guss zu schaffen". Busverkehre seien "nicht mehr Rudis Resterampe", so Flege. Moderne Infrastruktur und Mobilität bedeute, künftig ohne Auto auszukommen.
Über ein für Reisende zugängliches Bahnhofsgebäude verfügen lediglich acht der 30 Bahnstationen in Oberhavel. "Die Deutsche Bahn hat die Mehrzahl der Bahnhofsgebäude in Brandenburg verkauft, einige dieser ehemaligen Bahnhöfe gleichen eher Ruinen als Empfangsgebäuden", sagte der Sprecher der VCD-Kreisgruppe. So sei etwa in Gransee das ehemalige Bahnhofsgebäude "die optische Kehrseite des ansonsten vorbildlich renovierten Haltepunktes".
In Fürstenberg gebe es dank eines Privatinvestors wieder ein "sehr ansehnliches Bahnhofsgebäude", sagte der stellvertretende Sprecher der VCD-Kreisgruppe, Christoph Rudel. Hier sind laut Rudel "die Bahnsteige das Problem". "Sämtliche Züge fahren von einem Bahnsteig ab, der nur per Unterführung und über viele Stufen zu erreichen ist, und dass, obwohl die Züge mit mehr gutem Willen auch am stufenfrei zugänglichen Bahnsteig direkt am Bahnhofsgebäude halten könnten", kritisiert Rudel, der sich seit Jahren für einen barrierefreien Bahnhof in seiner Heimatstadt engagiert. Rudel: "Für diese Halte müsste das Dach über dem Hausbahnsteig repariert werden, was die Deutsche Bahn seit vielen Monaten versprochen hat."
Einige Bahnhöfe im Landkreis stellen den stufenfreien Zugang zu den Bahnsteigen über Aufzüge her, etwa in Hennigsdorf. Der Fußgängertunnel unter den Gleisen ist ebenerdig und preisgekrönt. Wegen seines innovativen Lichtkonzeptes gewann dieser 2001 den Renault Traffic Design Award. "Aufzüge haben im Unterschied zu Rampen den Nachteil, für längere Zeit ausfallen zu können. Das ist leider in Hennigsdorf am S-Bahnsteig derzeit wegen Bauarbeiten der Fall und zwar für schwer nachvollziehbare drei Monate am Stück", sagte die stellvertretende Sprecherin der VCD-Kreisgruppe, Petra Röthke-Habeck. "Obwohl fehlende Stufenfreiheit normalerweise bei unserem Test ein K.O.-Kriterium ist, hatte der Bahnhof Glück: Der Vor-Ort-Test fand am 25. April statt – gut eine Woche vor Beginn der Bauarbeiten."
Pech hatte dagegen der Oranienburger Bahnhof. Zum Testzeitpunkt war die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes in der Kreisstadt noch in vollem Gang sowie der neue Busbahnhof noch nicht fertig, so, dass Oberhavels einziger Fernverkehrsbahnhof lediglich auf ein "akzeptabel" kam. VCD-Sprecher Dirk Flege: "Der Bahnhof hat das Potenzial für mehr. Nach Abschluss der Bauarbeiten könnte dieser in die Spitzengruppe aufrücken."