Viele der knapp 300 Teilnehmer kritisierten die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Doch diese oder die Ursachen der Flüchtlingsströme zu diskutieren, war am Dienstagabend in der Stadtparkhalle nicht das Anliegen von Landrat Ludger Weskamp (SPD) und seinen Mitstreitern aus der Kreisverwaltung und vom Schulamt. Vielmehr warben sie um Verständnis für ihre Entscheidung, bereits heute 93 Flüchtlinge in einem Wohnheim nahe der Milchviehanlage Kremmen unterzubringen. Wachschützer und ein Sozialarbeiter sorgen dort für Sicherheit und kümmern sich um Sorgen und Nöte.
"Die Oberhavel vom Land zugewiesenen Flüchtlinge sind so zahlreich, dass eine Zwischenlösung gefunden werden musste", sagte Weskamp. Mit den Eigentümern des Objekts im Groß-Ziethener-Weg habe man sich auf einen Pachtvertrag bis Februar 2016 geeinigt. Danach werde die Notunterkunft wieder geschlossen. Dort werden dann wohl wieder Erntehelfer des Spargelhofs einziehen.
Ansonsten bleibt dem Landrat zufolge alles so, wie geplant: Auf dem kommunalen Gelände am Bahnhof werden im Frühjahr 2016 Wohncontainer aufgestellt, die schrittweise mit bis zu 240 Menschen belegt werden können - das sind zehn mehr als Anfang August angekündigt. Fertigstellung und Inbetriebnahme des ersten Gebäudeteils mit 120 Plätzen ist für Mitte 2016 vorgesehen.
Doch die bloßen Fakten schienen manche Teilnehmer nicht sonderlich zu interessieren. Sie waren vielmehr damit beschäftigt, Vorurteile und Stereotypen zu einem Bild zu verfestigen, das eine Stadt in Angst vor den Fremden zeigt, die "nicht so sind wie wir". Insbesondere die jungen männlichen Flüchtlinge wurden von ihnen als potenziell kriminell, gefährlich für Frauen und Kinder im Ort sowie möglicherweise durch Krieg und Vertreibung psychisch krank und unberechenbar beschrieben - teilweise mit Verweis auf eigene Erlebnisse im Ausland, aber stets ohne belastbare Fakten.
Kopfschütteln ernteten sie dafür von Mario Bergel von der Polizeiinspektion Oberhavel in Oranienburg. "Dieses diffuse Bild vom kriminellen Flüchtling wird von Leuten geschürt, die ein Interesse daran haben. Tatsächlich geben unsere Zahlen es nicht her, dass die Kriminalität steigt, wenn mehr Flüchtlinge vor Ort sind", betonte er. Die meisten Straftaten, in die Flüchtlinge verwickelt seien, ereigneten sich im Flüchtlingsheim. Sie würden von der Polizei übrigens genauso verfolgt und der Justiz übergeben wie Straftaten von Einheimischen.
Andere Kremmener im Plenum befürchteten, dass die Kapazitäten in Kita und Schule nicht ausreichten, wenn die Flüchtlinge vor Ort seien. Harald Schmidt vom Schulamt und Bürgermeister Klaus-Jürgen Sasse (SPD) wiesen das wegen des ohnehin niedrigen Kinderanteils unter den Flüchtlingen und ausreichend Platz in den Bildungseinrichtungen zurück. Auch die mögliche Verschlechterung der Gesundheitsversorgung in der Region war Thema. Der Landrat kündigte hierzu einen weiteren Informationstag an.
Es gab auch viele Stimmen, die sich für Solidarität mit den Flüchtlingen aussprachen und ihre Hilfe anboten, wenn es beispielsweise darum geht, Kenntnisse der deutschen Sprache zu vermitteln. Eine Willkommensinitiative gibt es in Kremmen mittlerweile auch. Ihre Aktivitäten werden von Wolfgang Engel und Sonja Karas koordiniert.