Die Politik müsse den von der Wirtschaft erzeugten Wohlstand verteilen, stellte der amtierende MVO-Vorsitzende und Moderator des Abends, Klaus-Peter Fischer, zu Beginn fest und erzeugte gleich den ersten Widerspruch. Thomas von Gizycki (Bündnis 90/Die Grünen) sieht es als vordringlich, "Chancen zu verteilen". Ansonsten versuchten alle Kandidaten, an diesem Abend mit einer gewissen Wirtschaftskompetenz zu punkten - mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. So sieht Linke-Kandidat und ÖPNV-Nutzer Sebastian Kullack Bedarf beim Ausbau der Bus- und Bahnangebote im Kreis für die bessere Erreichbarkeit von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen im gesamten Kreis. Dietmar Buchberger (AfD) will den Mittelstand als wichtigste Säule der Wirtschaft in Oberhavel stärken. Politische Fragen müssten zwar in Brüssel gelöst werden. "Der Landrat kann aber ein Zeichen setzen", sagte Buchberger.
Klar wurde damit auch der begrenzte Gestaltungsspielraum des Verwaltungschefs, der in erster Linie eine große Behörde mit mehr als 1 000 Beschäftigten leiten muss. Außerdem hat er sich an einen Koalitionsvertrag zu halten, der abzuarbeiten sei, sagte CDU-Kandidat Matthias Rink. Der lieferte sich in den Fragen, wie die Wirtschaft und eine Kreisverwaltung zu führen seien, einen Kompetenzwettstreit mit Finanz- und Bildungsdezernent Ludger Weskamp, der für die SPD antritt. Beide gelten als aussichtsreichste Kandidaten. Wegen der inhaltlichen Nähe von SPD und CDU, die im Kreistag zusammenarbeiten, gehe es vor allem um das "Wie" der Amtsführung, sagte Rink. Und doch wurden in zentralen Fragen gerade zwischen Rink und Weskamp große Unterschiede deutlich.
Beim Thema Wirtschaftsförderung wurde zugleich ein Knackpunkt der Koalitionsverhandlungen im Kreis deutlich, der demnächst vielleicht wieder Thema wird. Die SPD wollte die kreiseigene Förderungsgesellschaft Winto auflösen, die CDU setzte ihren Fortbestand durch. Rink will nun zusätzlich Wirtschaftslotsen integrieren, die Unternehmern bei der Überwindung bürokratischer Hürden helfen sollen.
Weskamp lehnt dieses Modell ab: "Ich tue mich schwer damit, wenn eine Person alle Sachverhalte kennen muss." Die Fachämter müssten ihre Arbeit erledigen. Die Winto leiste gute Arbeit, habe aber ihre ursprüngliche Aufgabe, den Aufbau einer Wirtschaftsstruktur in Oberhavel, erledigt. Besser sei, die Wirtschaftsförderung "aus einer Hand" bei der Kreisverwaltung zu leisten, so Weskamp.
Populären Forderungen nach einer niedrigeren Kreisumlage und weniger Behördenmitarbeitern erteilte Weskamp eine Absage. Die Kreisumlage sei die niedrigste im Land. Pro 1 000 Einwohner arbeiteten 3,9 Beschäftigte in der Kreisverwaltung. Andere Kreise würden sich bis zu sieben Mitarbeiter pro 1 000 Einwohner leisten, sagte Weskamp. "Da geht nicht mehr viel."
Viel war von Kundenfreundlichkeit im Landratsamt die Rede.Die Verwaltung müsse Antragsteller als Kunden begreifen, forderte Dietmar Buchberger. Weskamp lehnte diesen Begriff ab. In einer Behörde würden Bürger als solche behandelt - mit entsprechenden Rechten, die ein einfacher Kunde nicht besitze.
Rink und Weskamp geizten nicht mit Selbstbewusstsein. Rink erklärte seinen Anteil an Wahlerfolgen seiner früheren Reinickendorfer Bezirksbürgermeisterin. Weskamp erläuterte, wie er in seinem früheren Amt im Bundesinnenministerium eine halbe Milliarde Euro aus dem Konjunkturpaket II zu verteilen hatte. Einig waren sich beide, dass das Landratsamt in einer "anderen Tonlage" als bisher zu führen sei.
Für den für eine wirtschaftliche Entwicklung des Nordens als wichtig erachteten Ausbau der B96 hatte erwartungsgemäß kein Kandidat eine Lösung parat. Ansonsten wurde über rund zwei Stunden sehr sachlich diskutiert. Die Kandidaten blieben freundlich zueinander, aber auch recht distanziert.