Von Oliver Schwers
Prenzlau. Mitten in der Ausbildung torpediert das Land Brandenburg den Berufsweg von Kita-Erziehern. Durch eine verschärfte Prüfungsordnung wird es Seiteneinsteigern erschwert, eine staatliche Anerkennung zu erhalten. Das trifft einen kompletten Umschulungskurs der Uckermark.
Arbeitsagentur und Jobcenter hatten sich das so schön gedacht: Angesichts steigender Nachfrage nach staatlich anerkannten Erziehern im Landkreis bastelte man gemeinsam mit einer Trägergesellschaft einen Förderkurs. Der sollte Arbeitslose in einer verkürzten Zeit von zwei Jahren – normalerweise dauert die Ausbildung drei Jahre – einen neuen Beruf erschließen. Das Fachkräftenetzwerk Uckermark-Barnim hatte gerade bei Kitas einen Bedarf festgestellt. Erst recht, wenn ab 2013 mehr Kinder einen Anspruch auf einen Platz in einer solchen Einrichtung haben.
Hoch motiviert gingen die angehenden Erzieher im Juni 2010 in die Ausbildung. Doch plötzlich schwinden ihre Chancen auf einen Abschluss. Denn das Bildungsministerium hat überraschend die Prüfungsordnung verschärft. Zugelassen wird nur noch, wer nicht nur über theoretisches Wissen, sondern mindestens über eine einjährige Praxis verfügt. Dumm gelaufen für die 23 Betroffenen der Uckermark. Denn sie kommen fast vollständig aus anderen Berufen und haben höchstens ein Praktikum in einer Kita absolviert. Ohne Praxis aber kein Abschluss. Doch ohne Abschluss keine Anstellung. Und ohne Anstellung keine Praxis. Wie man es auch dreht: Die Katze beißt sich in den Schwanz.
Das Bildungsministerium bestätigt die Neuregelung, die gerade in Kraft tritt. „Es geht dabei um Qualitätsgesichtspunkte“, sagt Pressesprecher Stephan Breiding. Praktische Erfahrungen seien für den Abschluss notwendig. Auch Seiteneinsteiger müssten die gleichen Qualitätsansprüche erfüllen. Dies sei in der auf zwei Jahre verkürzten Form kaum möglich. Doch das Ministerium sei großzügig und rechne auch ein freiwilliges soziales Jahr oder andere Dinge als Praxis an.
Diese Voraussetzung würden in der Uckermark aber nur zwei der Kandidaten erfüllen, rechnet die Arbeitsagentur vor. „Wir sind kalt erwischt worden“, so deren Chef Christian Ramm. „Wir haben uns die Sache wohlüberlegt. Unsere Teilnehmer wollten sich eine berufliche Perspektive aufbauen.“ Und das Heer der Arbeitslosen verringern.
Von fehlender Qualifikation will die Agentur nichts wissen. Gemeinsam mit dem Jobcenter suchte sie unter vielen Bewerbern die 23 geeignetsten in einem aufwendigen Testverfahren heraus. Man setzt auf Erfolg, denn der Kurs kostet pro Person und Monat mehr als 800 Euro. Das sind am Ende mehr als 370 000 Eu-?ro aus öffentlichen Mitteln. „Wir können uns gar nicht leisten, das wirkungslos auszugeben“, so Christian Ramm.
Er ist optimistisch, dass die Absolventen die als sehr schwer geltende Nichtschülerprüfung beim Staatlichen Schulamt Perleberg schaffen. Doch dazu kommt es ohne Prüfungszulassung gar nicht erst. Denn ein Praxisteil lässt sich nicht einbauen, weil Kita-Einrichtungen für ungelernte Kräfte oder Helfer höchstens einen Teil der Personalkosten vom Jugendamt zurückbekommen. Also nehmen sie lieber Erzieher mit Abschluss. Pech für Umschüler. Da beißt sich die Katze schon wieder in den Schwanz.
Niemand weiß, wie viele Kurse in Brandenburg von der neuen Prüfungsordnung betroffen sind. Die Arbeitsagentur sucht jetzt das Gespräch mit dem Bildungsministerium. „Wir sind optimistisch, dass wir doch noch zu einer Lösung kommen“, so Ramm. „Denn die Leute sind äußerst motiviert.“
Zwischen dem, was die Politik will, und dem, was eine Behörde daraus macht, liegen oft Welten. Das zeigt der Alleingang des brandenburgischen Bildungsministeriums. Einerseits erleichtert man Seiteneinsteigern den Zugang zum staatlich anerkannten Erzieher. Andererseits hebelt man das hintenherum wieder aus.
Tatsächlich wollte das Ministerium vor allem Männer. Denn die fehlen in vielen Kindereinrichtungen. Zur Betreuung des Nachwuchses sind sie schon aus pädagogischer Sicht von großem Vorteil. Wenn jedoch nicht genügend arbeitslose Männer dafür zu begeistern sind, verliert das Ministerium augenscheinlich das Interesse an Seiteneinsteigern und verschärft die Zugangsbedingungen. Und für Fachkräftesorgen der Uckermark fühlt man sich dort erst recht nicht verantwortlich.
Doch neben der Doppelmoral dieser Entscheidung bewegt sich das Ministerium auch juristisch auf sehr dünnem Eis. Denn die angehenden Kita-Erzieher haben sich längst zur Prüfung angemeldet. Und zwar zu den alten Bedingungen. Es wäre interessant zu erfahren, wie ein Gericht diesen wohl einmaligen Fall bewertet.Oliver Schwers
Auch ohne geregelten schulischen Lehrgang kann man eine Erzieher-Prüfung ablegen, wenn bestimmte Vor-aussetzungen erfüllt sind. Sie findet einmal jährlich statt. Neu ist jetzt der Nachweis eines Praxisjahres. Private Bildungseinrichtungen ohne staatlich anerkannten Schulbetrieb müssen ihre Teilnehmer ebenfalls zu dieser Prüfung anmelden.